„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“
So lautet die berühmteste der 18 Thesen Walter Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ aus dem Jahre 1940. Es ist dieser Text einer, dem das Schicksal widerfuhr, überall zitiert, aber selten wirklich in seiner Tragweite verstanden worden zu sein. Da Walter Benjamin, ein Zeitgenosse und Freund u.a. von Theodor Adorno, Bertold Brecht und Hannah Arendt, sich wenig später, auf der Flucht vor den Nazis an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien die Enge getrieben, selber umbrachte, umrankt den Text bis heute das Flair eines Vermächtnis, das es erst noch zu enträtseln gilt. Das handschriftliche Manuskript, ursprünglich nie zur Veröffentlichung bestimmt, erschien erst nach dem zweiten Weltkrieg in gedruckter Form. Darin breitet Benjamin auf knappen 20 Seiten eine merkwürdige Verbindung aus historischem Materialismus und jüdischem Messianismus aus, die für hartgesottene Marxisten genauso schwer zu verdauen ist wie für jene, die Benjamin nur in seiner Rolle als Theoretiker der Kunst und Ästhetik rezipierten. (more…)