Überall auf der Welt, auf jedem Kontinent, gibt es noch heute Gemeinschaften von Ureinwohnern einer Region oder eines Landes, genannt „indigene Völker“. Man schätzt, dass es weltweit ungefähr 350 Millionen Angehörige dieser Völker gibt. Alle diese Völker haben die Gemeinsamkeit, dass sie in Form von diversen Repressalien, Gewalt, Umweltverschmutzung, Naturzerstörung sowie Ressourcen- und Landrechtskonflikten immer wieder zu Opfern massiver Menschenrechtsverletzungen werden. So ist es auch im südmexikanischen Chiapas der Fall, dem reichsten mexikanischem Bundesstaat mit der zugleich ärmsten Bevölkerung. Hier lebt das indigene Volk der Zapatisten, das sich gegen die Menschenrechtsverletzungen zur Wehr setzt.
1983 wurde in Chiapas die EZLN gegründet, die „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“, zu der sich die Zapatisten zusammen schlossen. In den folgenden 10 Jahren entwickelte und wandelte sich die EZLN von einer ursprünglich marxistischen und maoistischen Befreiungsarmee zu einer indigenen Guerillaorganisation. Zentrale Forderung der EZLN, sowie der meisten Organisationen indigener Völker, ist die verbindliche und uneingeschränkte Anerkennung ihrer Menschenrechte, beginnend mit dem Recht auf Selbstbestimmung. Grund für ihre Entstehung und ihre Forderungen ist, dass die indigenen Völker Mexikos, die weder schreiben noch lesen konnten, nicht nur seit der Eroberung Mexikos durch die Spanier vor über 500 Jahren unterdrückt werden, sondern aufgrund der Verfassung von 1917 von den Bürgerrechten, sowie von den politischen Rechten ausgeschlossen wurden.
Erstmals öffentlich in Erscheinung trat die EZLN dann am 1. Januar 1994 durch einen 12tägigen bewaffneten Aufstand, bei dem sie durch ihren Sprecher Subcomandante Marcos vor allem die Autonomie der indigenen Gemeinden forderten und für deren Rechte, Entwicklung sowie Selbstbestimmung einstand. Außerdem wichtiges Ziel dieses Aufstandes war es, die Weltöffentlichkeit auf die Jahrhunderte lange Unterdrückung der indigenen Bevölkerung in Mexiko aufmerksam machen. Weitere Forderungen der EZLN waren der Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, eine Landreform für soziale Gerechtigkeit und die Sozialisierung der mexikanischen Volkswirtschaft. Im Gegensatz zu anderen Guerillabewegungen wollen die Zapatisten nicht die Macht im Staat übernehmen, sondern erheben lediglich den Anspruch auf eine generelle Demokratisierung Mexikos. Durch die Nutzung der internationalen Medien wurde der Aufstand der Zapatisten und ihr Anliegen, auf die Probleme der indigenen Bevölkerung Mexikos aufmerksam zu machen, auf der ganzen Welt wahrgenommen.
Nach dem Aufstand 1994 und nach einer großen Gegenoffensive der mexikanischen Armee 1995 gegen die Zapatisten, wurde 1996 zwischen der EZLN und der mexikanischen Regierung das niemals umgesetzte Abkommen von San Andrés unterzeichnet. Dieses Abkommen beinhaltete die Anerkennung der Rechte und der Kultur der indigenen Bevölkerung mit erstmalig konkreten Bestimmungen zu Autonomie und sozialen Reformen in Chiapas. Tatsächlich haben seitdem reguläre Soldaten sowie paramilitärische Trupps immer wieder blutige Überfälle auf dem Territorium der Zapatisten durchgeführt, wie etwa in Acteal 1997, wo 45 Menschen, darunter Kinder und schwangere Frauen, getötet wurden. Diese Angriffe gehören zur Strategie des sogenannten “Krieges niederer Intensität”, durch welche die EZLN durch wiederholte Angriffe aufgerieben werden soll. Auch Entführung und Folter sind ständig präsent.
Da das ausgehandelte Abkommen von 1996 nie tatsächlich in Kraft trat, nahm die EZLN 2003 kurzerhand selbst die Realisierung der Vereinbarungen des Abkommens in die Hand und begann mit dem Aufbau der Autonomiestrukturen. Am 9. August 2003 wurden die seit 1995 existierenden 38 autonomen Gemeinden zu fünf regionalen Verwaltungszentren, sogenannten „Caracoles“, zusammengefasst, in denen die Regierungsausschüsse der eigenen, basisdemokratischen Regierung, ihren Sitz haben. Es wurde ein regierungsunabhängiges Gesundheits- und Bildungssystem aufgebaut, sowie Infrastrukturprojekte eingeleitet. Eine eigene Gesetzgebung, z.B. zum Schutz der Tropenwälder, ist in Arbeit.
So haben die Zapatisten weit über Chiapas hinaus eine breite Unterstützung innerhalb Mexikos, Lateinamerikas und auch der Welt erlangt. Folge des weltweiten Interesses ist die Anwesenheit freiwilliger “Friedensbeobachter”, die in den autonomen Dörfern auf eventuelle Übergriffe staatlicher Organe oder paramilitärischer Gruppen achten. Denn die Bedrohung Zapatistischer Gemeinden von Paramilitärs, Polizei und Militär ist allgegenwärtig. Friedensbeobachter können helfen, indem sie die Truppenbewegungen der Bundesarmee, Übergriffe auf die Gemeinden, Menschenrechtsverletzungen und die allgemeine Situation in den Dörfern dokumentieren und diese Informationen an die Öffentlichkeit weiterleiten. Ihre bloße Präsenz soll Übergriffe auf die Zivilbevölkerung verhindern.
Einer dieser Friedensbeobachter war Philippe Decker, der in unserem Interview von seiner Zeit bei den Zapatisten erzählt.
Selbstpräsentation Philippe Deckers:’ Derzeit bin ich Student der Soziologie und Politikwissenschaft in England, was mir durch die langen Sommerferien ermöglicht, länger zu verreisen.
Warum hast du dich entschlossen zu den Zapatisten zu gehen?’ Schon länger hat es mich nach Lateinamerika gezogen. Vor allem die politischen und sozialen Bewegungen haben ein großes Interesse in mir geweckt. Ich wollte aber nicht nur verreisen, sondern falls möglich auch selbst aktiv werden. Nach etwas Suchen bin ich dann auf die schweizer NGO ‘Peace Watch Switzerland’1 gestoßen, die Freiwillige suchen, um sie als Menschenrechtsbeobachter in Konfliktgebiete zu schicken. Dies war eigentlich genau das, was ich suchte. Meine Präsenz reichte aus, um Menschen ein ruhigeres Leben zu ermöglichen und somit war es für mich entschieden, dass ich den Weg nach Mexiko angehen würde.
Wann und wie bist du zu den Zapatisten gegangen?’ Erst nach intensivem Vorbereitungstraining in der Schweiz, was sich über zwei Wochenenden erstreckt hatte, begab ich mich auf meine Reise Richtung Mexiko. In diesem Vorbereitungstraining ist uns die Lage in dem südlichen Staat Mexikos betreffend der historischen, ökonomischen, und politischen Situation sehr nahe gebracht worden. Mögliche Konfliktsituationen wurden in Begleitung einer Psychologin in Rollenspielen nachgespielt, um vor Ort zu wissen, wie man zu handeln hat. Eine solche Vorbereitung ist Vorraussetzung, um als Menschenrechtsbeobachter in Konfliktgebiete entsendet zu werden. Ende Juni letzten Jahres befand ich mich dann im Flugzeug mit Ziel Cancun. In dem sehr touristischen Cancun verweilte ich nur kurz und begab mich schnell mit dem Bus nach San Christobal de Las Casas in Chiapas, eine Fahrt über 18 Stunden. Als ich im Morgengrauen den Staat Chiapas im bergigen Süden Mexikos erreicht hatte, merkte ich alsbald, dass was in der Luft liegt. Gleich an der Grenze liegt das Dorf Emiliano Zapata. Die Aufschrift an den Häusern machte es deutlich: „comunidad zapatista autónoma y rebelde de Emiliano Zapata“, ich bin angekommen im Gebiet der Zapatistas. In San Christobal wurde ich im Menschenrechtszentrum Fray Bartolome de Las Casas2 erwartet, einer Partnerorganisation der schweizer NGO. Im Menschenrechtszentrum begegnete ich anderen Freiwilligen, die ich bereits in der Schweiz kennengelernt hatte. Die Mitarbeiter des „Frayba2 hatten zu entscheiden, wo wir am dringendsten benötigt werden und so machten wir uns, eingeteilt in kleinen Gruppen von zwei bis drei Personen, auf den Weg.
Wie lang bist du dort geblieben?’ Ich habe zwei Einsätze geleistet. Jeweils bin ich zwei Wochen in dem gegebenen Dorf geblieben. Den Rest der drei Monate habe ich mit Reisen verbracht.
Wie bist du mit den Zapatisten in Kontakt gekommen, wie hast du sie kennengelernt? Den ersten Kontakt hatte ich mit ihnen in einem ihrer Caracol’s, wie sie den Sitz ihrer autonomen Regierung bezeichnen. Uns wurde im Menschenrechtszentrum gesagt, uns dorthin zu begeben, damit sie entscheiden, wo wir gebraucht werden. Die Entscheidung unseres Endziels ließ jedoch auf sich warten, da es wieder einmal kein Strom gab und so kein Funkkontakt mit den umliegenden Dörfer zu Stande kam. Den Strom leiten sie der Leitung ab, die zur Militärkaserne führt, was daher mit einigen Problemen verbunden ist. Die Frage, wann sie denn endlich wüssten, wohin wir sollten, wurde uns immer mit „en un ratito“ beantwortet, was soviel heisst wie „noch ein kleines Weilchen“. Ein neues Zeitgefühl wurde uns aufgezwungen und es war nächster Morgen bis wir wieder loszogen. Doch sind sie uns immer äußerst freundlich, aber auch mit einem gewissen Ernst, entgegengekommen. Beim Eintritt in den Regierungsraum hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl, verbunden mit tiefem Respekt für diese einfachen Mais- und Kaffeebauern, die sich hier selbst organisieren und regieren. Sie musterten uns und wir übergaben ihnen das Schreiben des Menschenrechtszentrums. Damit war alles geklärt. Als wir in unserem Dorf, wo wir zwei Wochen verweilten, schließlich ankamen, wurde uns noch ausdrücklich gedankt für unser Dasein.
Wie war deine Beziehung zu den Zapatisten? In dem ersten Dorf hatten wir das Glück, direkt mit einer Familie zusammen zu wohnen. Wir konnten ihre Küche benutzen und so kamen wir ihnen sehr nahe. Die Frauen und Mädchen hatten Anfangs noch etwas Scheu vor uns, doch die wurde ihnen mit der Zeit etwas genommen. Besonders mit den Kindern waren wir sehr eng verbunden. Wir stellten eine Art Spielzeug für sie dar und so versammelten sich die Kinder des ganzen Dorfes immer um uns herum. Problematisch wurde es, wenn wir mal um etwas gebeten wurden oder unser Zeug von ihnen inspiziert wurde, von dem sie gern etwas abhaben wollten. Als neutrale Beobachter ist es einem aber verboten, einzelnen Personen zu helfen, da sie sich daran bereichern könnten oder eine Abhängigkeit von internationalen Leuten entstehen könnte. Von den Zapatisten wurde es begrüßt, dass wir da sind, da wir ihnen eine Art Schutz boten. Leider leben die Zapatisten aber nicht immer nur unter sich. So sind viele Dörfer geteilt und es leben dort einerseits Zapatisten, andererseits Angehörige des Paramilitärs. Dieses Problem hat man vor allem in größeren Städten, wo man nicht weiß, wer was ist, wodurch man dann schon mal aufpassen muss, mit wem man redet.
Wie wurdest du in das Leben der Zapatisten involviert? Also was hast du getan und beobachtet?’ Getan haben wir recht wenig, da es uns eigentlich verboten war aktiv zu werden, falls dies eine Person oder Gruppe von Personen bevorzugen würde. Ich war als neutraler Beobachter im Einsatz und dies hatte es mir verboten zu arbeiten im eigentlichen Sinne, falls dies nicht für das Wohl der Gemeinschaft bestimmt ist. Allein das Dasein internationaler Beobachter reicht meist schon aus, um Konflikte zu verhindern. So verbrachten wir die Zeit größten Teils mit schlafen, lesen, kochen und mit den Kindern spielen.
Wie sieht die Realität und der Alltag der Zapatisten heute aus? (Sind sie “erfolgreich”, also erreichen sie ihre Ziele?)’ Der Alltag der Zapatisten ist durch extrem psychischen Druck bestimmt. Der größte Teil des mexikanischen Militärs ist in dieser kleiner Region stationiert. Dazu kommen noch etliche paramilitärische Gruppierungen, die Druck auf das Leben der Zapatisten ausüben. Erfolgreich in dem Sinne, dass sie ihre Autonomität ausbauen, sind sie, ja. Sie sind dabei, ihre Ziele, wie zum Beispiel das Recht auf Bildung, Gesundheit und Nahrung zu erreichen, zu verwirklichen. Schulen wurden errichtet, Kliniken wurden oder werden gerade gebaut. Alles autonom. Die Großgrundbesitzer haben sie 1994 während des Aufstandes vertrieben und das Land wird jetzt kollektiv bewirtschaftet. Ihr Grundziel ist und bleibt ein Leben in Würde.
Welche Beziehung herrscht zwischen den Zapatisten und der Regierung, sowie zwischen den Zapatisten und der Bevölkerung? Was im Chiapas vonstatten geht, ist ein Krieg von niederer Intensität. Das heißt, es ist kein offener Krieg, sondern ein psychologischer. Wie bereits erwähnt: Der größte Teil des mexikanischen Militärs ist dort stationiert. Zwei Zivilpersonen kommen auf einen Soldaten. Dabei werden Paramilitärs noch indirekt vom Staat unterstützt. Eine Lösung ist in absehbarer Zukunft nicht abzusehen. Im Gegenteil: es sieht wieder nach Krieg aus . Die Bevölkerung ist gespalten zwischen regierungstreuen Leuten, Leuten, die sich nicht dafür interessieren, und Sympathisanten der Zapatistas, welche nicht zu unterschätzen sind.