I Himmel und Erde
Es gehört zu den vielen Irrtümern, die wir dem Marxismus verdanken, zu glauben, Karl Marx sei vor allem ein Theoretiker des Kommunismus, ein Kämpfer für das Proletariat gewesen. Sein wesentlicher, bis heute relevanter Beitrag liegt aber in etwas anderem: Eine kritische Theorie der Gesellschaft als Reproduktionszusammenhang des Menschen. Marxens Ausgangspunkt war nicht, wie man oft hört, das Elend der Arbeiterklasse im 19ten Jahrhundert. Um die Arbeiter als solche ging es ihm nie. Der in seinem Lebensstil durch und durch bürgerliche Intellektuelle Marx hatte an sich für körperliche Arbeit ebenso wenig übrig wie für proletarische Kultur u.ä. Ihm ging es um die Arbeiter nur insofern, als die gesellschaftliche Form der Arbeit sie als das hervorbrachte, was sie sind. Sein ursprünglicher Ausgangspunkt war daher ein theoretisch-politischer, nämlich die Kritik der Religion. Marx fragte zweierlei. Erstens: Warum unterwerfen die Menschen sich freiwillig ihren eigenen geistigen Hervorbringern, den Göttern?
Seine Antwort ist bekannt: „Daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären“. Religion sei das Opium des Volkes, „die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens“, weil und wo „das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt“. Seine zweite Frage aber ergibt sich daraus folgerichtig. Sie zielt auf die Unvollständigkeit einer Aufklärung, die zwar den Himmel abschafft, ohne aber zugleich auf der Erde eine menschliche Welt zu schaffen. Haben die Menschen nicht, so fragte nämlich der junge Marx weiter, nachdem sie ihre Götter im Himmel stürzten, sich neue, irdische, Götter geschaffen, denen sie sich ebenso bereitwillig unterwerfen? Sind nicht der Staat und das Geld nun ebenso gegenüber dem Individuum verselbständigte Produkte des menschlichen Geistes, wie es einst der göttliche Übervater war?
Dies ist der Ausgangspunkt des ganzen marxschen Werkes. Denn „die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch … Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik“.
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