Am 17/03/2010 wird ein Beitrag der Queesch zum Thema “AussteigerInnen” im Bulletin der Erwuessenenbildung erscheinen. Anbei publizieren wir die Vollversion des Artikels, aus Platzgründne kommt vielleicht nur die gekürzte Version ins Bulletin. Ausserdem hat somit jedeR die Möglichkeit den Artikel zu kommentieren
Das Wort “AussteigerInnen” – wortwörtlich genommen – würde bedeuten, ganz aus etwas auszusteigen. Du kannst schwer nur zu 50% aus einem Zug aussteigen, auf jeden Fall wäre dies kein Zustand, der lange anhalten könnte. Dies ist ein nicht unerhebliches Problem, wenn wir dieses Wort auf die Gesellschaft übertragen, denn: Ist das überhaupt noch möglich, ganz auszusteigen? Aber das Wort bringt noch ganz andere Schwierigkeiten mit sich: Ist die Gesellschaft ein klar umfasster Raum aus dem mensch aussteigen kann? Sind alternative Lebensformen und Randerscheinungen nicht auch immer Teil der Gesellschaft? Ist es auch nicht einfach irreführend und kontraproduktiv, sich ein abstraktes Gebilde von der Gesellschaft vorzustellen? In der Queesch Nr. 20 mit dem Dossier “Fric Machine” vetritt Joël in seinem Artikel “Rage Against The Machine” folgende Position gegenüber dem Spruch “Fuck the system”: “Wer gegen eine allmächtige Maschine oder die große Weltverschwörung kämpft, kann kaum gewinnen.“
Um diesen Fragen zu entkommen, konzentrieren wir uns hier lieber auf die präziser gefasste Frage von Jugendlichen, die anders als der Mainstream leben wollen. Dies kan u.a. zwei Formen annehmen: auf der einen Seite die oberflächliche Äußerungen vom “Alternativ-Sein”, sei es in der Mode, der Musik, der Wahl von Produkten, aber auch der Wahl von Meinungen und politischen Positionen – ohne (!) die Verhältnisse in Frage zu stellen, die mit dieser sogenannten “Wahl” in Verbindung stehen. Denn auch die absolute “Anti-Haltung” wird von Außen diktiert, auch wenn das vermeintliche Gegenteil dabei herauskommt. Es ist weniger das “Was” als das “Wie”, das den Unterschied zwischen alternativem Image und alternativem Leben macht. Abgrenzen ist nicht Selbstzweck und soll nicht noch mehr Individuen auseinander führen – vielmehr geht es darum, Lebensformen umzusetzen, die von Solidarität und Emanzipation geprägt sind. Eine zweite, radikalere(1) Form, wäre Mensch selbst sein und in Beziehung mit anderen zu treten, ohne sich unkritisch von vorgefertigten Bildern und Verhaltensmustern einschränken zu lassen – das ist ein große Herausforderung. Spuren von Jugendlichen, die über das alternative Image herausgehen (woll(t)en), und dem auch in Aktionen und Projekten Ausdruck verliehen haben, finden sich in der Zeitschrift Queesch. Im Editorial der Nullnummer stand schon in den ersten Sätzen geschrieben, dass es sie noch gibt, “Menschen, die selbstbestimmt leben wollen und nicht einfach so hinnehmen, dass menschliche Werte wie Freundschaft und Ehrlichkeit ständig mit Füßen getreten werden.” Auch das Streben nach Utopien ist ein klarer Indikator von der Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und der Motivation, es anders zu machen. Im Editorial der Queesch Nr.2 beschreibt Pol diese Utopie als etwas, was im Hier und Jetzt möglich ist und äußert die Erkenntnis, dass die Umsetzung dieser Vorstellung an der eigenen Person wohl “der einzige Weg ist, der einen glücklich machen kann.” Dabei sind wir wohl bei der Grundmotivation von AussteigerInnen angelangt: “glücklich sein”. Und dieses Glück, bestehend aus Freiheit und Ehrlichkeit, nur vollständig empfinden zu können, wenn nicht andere Menschen davon ausgeschlossen sind und mensch selbst nicht von der Natur und anderen Menschen isoliert ist (vgl. dazu das Editorial von Dan in der Queesch Nr. 6). Daraus ergibt sich das politische, soziale und kulturelle Engagement von den Menschen und Gruppen, die seit 2002 zur Queesch beigetragen haben. Denn die Trennungslinie zwischen AussteigerInnen und Ausgeschlossenen ist sehr fließend – wie es das Beispiel von Squat in der Rue Mansfeld zeigt (siehe Artikel in der Queesch Nr. 21). In der nächsten Queesch veröffentlichen wir auch ein Interview mit dem Infoladen, eine Gruppe, die ähnliche Ansprüche hat und versucht durch Aktivitäten umzusetzen. Jedoch müssen sie jetzt einen neuen Raum suchen und dies ist in Luxemburg sehr schwer, denn es gibt keine öffentlichen Räume die nicht komerziell oder institutionell kontrolliert werden.
Diderich Gary, Mitbegründer der Queesch
Mehr Informationen zur Queesch auf www.queesch.lu
1 radikal wird hier nicht wie geläufig als “extrem” oder “fanatisch” verstanden, sondern in seinem eigentlichen Sinn, nämlich als “an der Wurzel anpackend”
