Floskeln und Klischees haben ebenso wie Vorurteile die unangenehme Eigenschaft, sich in unseren Köpfen festzusetzen, wenn man sie bloß oft genug unkritisch wiederholt. Der Einwand mag manchem pingelig erscheinen, doch Luxemburg ist nicht relativ wohlhabend. 2007 betrug das Bruttosozialprodukt pro Kopf 80.457 internationale Dollar. Gerechnet mit Kaufkraftparität, das heißt mit eingerechneten Lebenshaltungskosten. Das ist der zweithöchste Wert weltweit, nur knapp hinter Katar und rund 27.000 Dollar vor dem dritten Land, Norwegen.
In der Europäischen Union der 25 liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf nach Kaufkraftstandard bei 251 Prozent des Durchschnitts, sehr deutlich vor dem zweitbesten Wert und rund doppelt so hoch wie bei den Nachbarn Deutschland, Frankreich und Belgien.
Wohlgemerkt industrialisierte, wohlhabende Nationen der ersten Welt. Wir sind sehr wohlhabend. Punkt. Leider ist Reichtum ebenso wie Armut relativ. Wenn der Nachbar dreimal, also einmal öfter als ich selber, in Urlaub fährt und sein Auto zwei Monate neuer, 10 PS stärker und ursprünglich 1.000 Euro teurer war, bin ich im Vergleich mit ihm ärmer. Viele Luxemburger nehmen kaum wahr, dass nur für eine verschwindende Minderheit der Menschheit ein eigenes Haus, Zweit- (und Dritt-)wagen, allerlei technische Spielsachen und mehrmalige Urlaube im Jahr die Regel und nicht die Ausnahme sind. Zu vergessen scheinen diese auch, dass der luxemburgische Reichtum nicht historisch gewachsen ist und seit dem Niedergang der Eisenerzindustrie praktisch ohne eigene Rohstoffe auf tönernen Füßen steht.
Er ist nicht gottgegeben, sondern zu einem erheblichen Anteil dem Aufschwung des Finanzsektors seit Anfang der Siebziger Jahre (geschichtlich gesehen ein sehr kurzer Zeitraum) zu verdanken. Mit der allgegenwärtige Wirtschaftskrise stellt das paradiesische Luxemburg mit Schrecken fest, dass die günstige Steuergesetzgebung im Ausland Begehrlichkeiten weckt.
Für diese Länder ist das kleine Luxemburg natürlich ein bequemer Sündenbock. Nichtsdestotrotz bietet der Finanzsektor, ebenso wie die 600 Millionen Euro aus dem Tankstellentourismus, runde 400 Millionen Euro aufgrund von Tabaksteuern und die ebenfalls durch die niedrige Mehrwertsteuer in Luxemburg angesiedelten Internetkonzerne, ebay, Paypal, Amazon, Microsoft, Apple, eine treffliche Zielscheibe. Bei der derzeitigen Inflation an Billionenbeträgen eigentlich kleine Summen. Vielleicht wäre es aber nicht ganz unklug, sich auch angesichts der Krise mit dem Gedanken an etwas kleinere Brötchen anzufreunden. Und anstelle des ewigen Jammerns auf höchstem Niveau mal das Leben und den derzeitigen materiellen Reichtum zu genießen. Es könnte damit nämlich auch irgendwann vorbei sein. Das birgt aber die Chance zu merken, dass nicht nur der Kontostand über die eigene Zufriedenheit entscheidet. Eine zugegeben ziemlich überraschende Erkenntnis im Konsumtaumel des Kasinokapitalismus.
Text: Chrescht Beneké