Von Linden Lab schon vor einiger Zeit ins „Leben“ gerufen, erfreut sich das Online-Spiel „Second Life“ immer größerer Beliebtheit. Die Anhängerschaft steigt täglich, wenn auch nicht alle wiederkehren die einen Avatar (= in Online- und Spiele-Welten, ist ein Avatar die individuelle Darstellung des Benutzers als animierte Person, wobei sich die Gestalt des Avatars im verlaufe des Spieles weiterentwickeln und auch verändern kann), wohl aus der üblichen gesellschaftlichen Neugier heraus, entwarfen, kann man trotz alledem immer wieder einer Vielzahl an „Mitspielern“ begegnen.
Second Life bietet eine Vielzahl an äußerst interessanten Ideen. Neben der Idee eines gelebten und belebten „Chatrooms“ ist die Möglichkeit, zu modellieren und kreieren was einem in den Sinn kommt, besonders hervorstechend. Wenn auch einiges an Übung und Zeit (und Geld) dafür – z.B. für ein eigenes „Haus“ – erforderlich ist.
In der Online-Welt ist auch gesellschaftlich ganz schön was los. So konnte man während des französischen Wahlkampfes beobachten wie sich Jean-Marie Le Pen als erster, gefolgt von Segolène Royal und schließlich auch Frankreichs neuer Präsident Nicolas Sarkozy sich in Second Life breit machten um auch noch die letzte Wählerstimme zu erreichen. Letzterer verteilte, wenn auch nicht persönlich, auf „Sarkozy Island“ virtuelle T-Shirts und Pizza- Stücke.
Aber auch andere Themen der Öffentlichkeit finden schnell Anklang in der „Zweiten Welt“. So durfte man, kurz nach dem Massaker an der Virginia Tech University, erleben wie Gedenksteine gebastelt wurden um den Opfern der Tragödie zu gedenken. Natürlich wurden dort dann auch noch Kerzen und Blumen abgestellt. Selbst Gruppen die zu Spenden aufriefen fanden sich dort bald.
Um komplizierte Zahlvorgänge braucht man sich auch keine Gedanken machen. Denn alles lässt sich ganz Einheitlich wirtschaftlich führen, dank der Lindendollar, die man gegen US- Dollar eintauschen („wechseln“) kann. Der Wechsel zurück von den Lindendollar in “echtes“ Geld geht natürlich auch. Es gilt bloß die Wechselkurse von Linden Lab zu beachten.
Auch für den (faulen) Online-Touristen wird etwas geboten. So kann man z.B. den “Second Bodensee“ oder den „Second Schwarzwald“ besuchen. Und selbst die Hannover Messe soll dort zu finden sein. Auch so manch ein Unternehmen hat eine „Niederlassung“ in der digitalen Welt.
Aber neben all den angenehmen und sozial wünschenswerten Abläufen des Spieles, musste man, glücklicherweise durch die Presse zügig publik gemacht, auch schon weniger schöne Nachrichten aus der Zweiten Welt hören. Es gab schon User die der Pädophilie frönten. Doch wurde schnell dagegen vorgegangen. Alles in allem bekommt man den Eindruck, dass sich alles in Second Life entwerfen und leben lässt, was es auch in der „First World“bereits gibt. Oder jedenfalls fast. Krieg gibt es dort noch nicht (ob das nun „gut“ oder „schlecht“ ist sei einmal dem Leser überlassen), aber vielleicht sollte man diesen Punkt überdenken und einen Ableger von Second Life ins Leben rufen, nennen könnte man es ganz schlicht: Second Life – War Edition.
Wie könnte man sich diese virtuelle Welt und den darin enthaltenen Krieg nun vorstellen? Das Beste was man tun kann, ist, dass man kopiert was die Wirtschaft mit solch großem Eifer vormacht und fusioniert. In diesem – meinem – Fall beruht die Fusion nicht auf zwei verschiedenen Betrieben, sondern auf zwei verschiedenen Ideen. Um „realistisch“ Krieg führen zu können, braucht es natürlich eine ausreichend groß dimensionierte Welt. Das sollte aber auch nur eine Frage von Speicherplatz sein, der, betrachtet man die aktuellen Festplattenpreise, durchaus sehr erschwinglich ist (vor allem mit dem Seitenblick zu den horrenden Rüstungskosten).
In besagter Welt würde man die Idee von Second Life, also das erstellen eines Avatars die Fähigkeit jegliche wünschenswerten Gegenstände modellieren zu können mit Google Earth, der digitalen Kartographie der Erde, kombinieren. So hätte man, durch diesen synergetischen Effekt, automatisch eine Welt geschaffen, die der unseren doch verblüffend nahe kommt. Also, der Platz ist da. Nun braucht es bloß noch einiger Arbeiten am Quellcode um auch solch wichtige Effekte wie Explosionen, einstürzende Gebäude,
Tod und Sterben und sonstige benötigten physikalischen Effekte zu erhalten. Glücklicherweise müssen die Programmierer – entgegen der allgemeinen Art und Weise – das Rad nicht abermals neu erfinden. Denn es gibt ja bereits mehr als genug, für alle Spielvarianten, Action- und Egoshotter-Engines (= ein Teil eines Computerprogramms, dass dafür zuständig ist die 3D-Darstellungen – möglichst realistisch – zu berechnen) derer man sich bedienen kann. Es ist damit natürlich auch klar, dass das altbekannte Fliegen der Avatare hiermit unterbunden wird.
Die Welt steht und dreht sich vielleicht sogar. Nun braucht es bloß noch Menschen (jeglicher Gesinnung) die sich dem Spiel anschließen. Natürlich gibt es verschiedene Arten von Spielern: „Terroristen“, „Counter-Terroristen“ und „Zivilisten“. Wer nun welche Rolle spielt ist vollkommen belanglos, da sich jeder „Clan“ so betiteln kann wie er das für richtig hält – genauso kann man selbstredend auch sein Feindbild nach eigenen Wünschen aufbauen. Also genau wie in der echten Welt.
Nun – und dessen ist sich der Autor auch vollkommen bewusst, gesteht es auch ein – kommt der schwierigste Teil dieser Idee (Kampagne?). Wie bekommt man Regierungen und Untergrundorganisationen dazu, sich am Spiel anzumelden und „zuspielen“? Sollte man es tatsächlich schaffen die Welt davon zu überzeugen sich der „War Edition“ anzuschließen hätte dies natürlich eine Großzahl an wirtschaftlichen Folgen: die Waffenindustrie würde herbe Gewinnrückgänge verbuchen müssen. Aber nun mal ehrlich, welcher Bürger hätte denn ein Problem damit, wenn die vom Staat erhobenen Steuern nicht mehr (oder jedenfalls bedeutend weniger) für das Aufrüsten des Militärs verwendet werden und es in der Welt kontinuierlich weniger Waffen gibt, die einen töten können?
Andererseits könnte sich das Ansehen einiger Länder in der nächsten „Program for International Policy Attitudes“ Umfrage drastisch verbessern, wenn man der Idee beitritt und abstand nimmt vom konventionellen Krieg. Und das Image ist ja bekanntlich alles. Oder? Wer alles online „mitspielt“ bräuchte ja auch keine konventionellen Waffen mehr, nukleare erst recht nicht. Aber auch all die Probleme und Konflikte rund um Israel, Afrika und sonst auf der Welt würden an Gewalttätigkeit abnehmen (vielleicht durch ungestörte Diplomatie gar verschwinden) nähme man die Idee des Spieles ernst.
Natürlich würden die beteiligten Mitspieler, wie erwähnt, einiges an Rüstungsgeldern sparen. So könnte China knapp 30,5 Milliarden US-Dollar in andere Projekte investieren. Auch Japan ($ 45,3 Milliarden), Deutschland ($ 31,1 Milliarden), Frankreich ($42,8 Milliarden) und die USA ($ 495,3 Milliarden) hätten einiges mehr an Spielraum für die Zukunft und die Gegenwart.
Somit müsste sich US-Präsident Bush jr. keine Sorgen mehr um „weniger wichtige“ (so Bush) Posten des Haushaltes machen. Die rund 500 Milliarden Dollar die man für Krieg benötigte und zur Finanzierung teilweise bei anderen Posten strich, kann man dann guten Gewissens wieder den „weniger wichtigen“ Bereichen wie Verkehr, Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung (äußerst unwichtig! anmk. d. A.) als finanzielle Mittel zukommen lassen.
Selbstredend ist es klar, dass nicht die komplette Summe für anderweitige Pläne zur Verfügung steht, da ja auch das „Spiel“, die kreativen „Künstler“ (also die Designer, Modellierer) und die „Regierungsspieler“ (ehemals Soldaten) entlohnt werden wollen. Doch eines steht schon fest: das kostbarste Kriegsmittel, das Kanonenfutter vor Ort fällt weg. Denn es werden sicherlich nicht so viele Zivilisten während des „Spieles“ sterben wie bisher, laut www.iraqbodycount.org, im Irak-Krieg der Fall ist: zwischen 67.000 bis knapp 74.000 Zivilisten ließen dort im Namen der „Freiheit“ ihr Leben. Die Anzahl der verstorbenen
Soldaten (mehr als 3.200) geht weiter in die Höhe. So hoch, dass US-Bürger, kurz vor dem 4. Jahrestag des Irak-Krieges, gen Pentagon marschierten um für eine Beendigung des Krieges zu protestieren. Es gibt noch so einige offene Fragen zu diesem Thema die einer weiteren Erläuterung bedürfen. So kommt unweigerlich die Frage in einem auf, wer eigentlich alles an diesem „Spiel“ mitspielen darf? Grundsätzlich sollte jeder Welt-Bürger die Möglichkeit haben, sowohl passiv (Ideen, Ratschläge, Taktiken u.ä.) als auch aktiv (also das Kriegführen und Kämpfen an sich) am Spielgeschehen teil zunehmen. Darauf folgt konsequenterweise die Frage nach dem „Wie?“.
Mein Vorschlag hierzu ist, in Anlehnung an das „One Laptop per Child“-Programm, ein von der ganzen Welt gefördertes Programm namens (und der Name soll auch Programm sein) „One PC per Human Being“ zu starten. Ob dann jeder Mensch einen eigenen Computer nach hause geliefert bekommt, oder große Rechenzentren für die Interessenten zur Verfügung gestellt werden, muss bei Start der Initiative genauer betrachtet werden. Wie auch im echten Leben, hat jeder die freie Wahl, oder sollte sie haben, für respektive gegen was er eintreten möchte. Logischerweise bedeutet das, je nach eigener und Landesideologie, immer noch ein gewisses Lebensrisiko.
Alles was man nun zum allgemeinen Glück jetzt noch braucht, ist ein Manifest an Spielregeln und einen Vertrag der die Parteien an eben diese Regeln bindet. Denn ohne bindende Verträge hat ja nichts in dieser Welt seine Gültigkeit und dann auch erst Recht keinen Sinn. In dem Vertrag, der eine Art Abkommen zwischen allen beteiligten darstellt, wird zudem festgehalten wie genau die Brücke zwischen dem virtuellen Krieg und den Folgen in der „realen“ Welt von statten gehen soll. Denn es wäre ja Sinnlos, wenn man einen Angreifer im digitalen Krieg zurückschlagen konnte, dieser aber nicht von seinen Stellungen in der fassbaren Welt abzieht.
Wer also den Regeln und Verträgen – im Namen seines „Clans“ – zustimmt hat sich auch daran zuhalten. Oder kurz gesagt: das virtuelle Leben schlägt sich dann im Realen nieder. In den Regeln sollte auch festgehalten sein, dass Krieg nur noch (wenn überhaupt!) virtuell gestattet ist. Somit soll unterbunden werden, dass ein Sieg mit dem Computer dann mit echter Waffengewalt geahndet oder unterbunden wird.
Auch muss auf Papier geklärt werden wer, wann, wo und wie sich um die „Kriegsserver“ kümmern darf. Zudem muss die Frage geklärt werden wo die Server und Backup-Server platziert werden. Da es nämlich ein riesiger Vorteil wäre, wenn einer alleine oder mehrere Gleichgesinnte Zugriff auf die Hardware hätten. Aber auch die Programmierer, welche am Code des „Spiels“ arbeiten und ausbessern, dürfen nicht von einer Partei alleine sein, denn auch dies wäre ein absoluter Vorteil!
Optimaler wäre eine Instanz mit einer vorher festgelegten Größe an Repräsentanten ins Leben zu rufen. Um dort hinein zugelangen muss man von den Teilnehmern (die Gruppen die am „Spiel“ teilnehmen) gewählt werden. Wobei man mehrere Durchgänge abhalten würde und die Person mit den (je Durchgang) meisten Stimmen im Gremium landet. Dies führt man so lange fort bis die gewünschte Größe erreicht ist. Wurde man ins Gremium gewählt steht man natürlich für die weiteren Wahlgänge nicht mehr zur Verfügung.
Die Amtszeit sollte auf 2-4 Jahre beschränkt sein, wobei Wiederwahlen möglich sind! Auch die Finanzierung des Personals, der Hard- und Software muss wohl überlegt sein um Lobbyarbeit, in jeglichem Sinne, zu untergraben. Doch bleibt bei allem Schönwetter Gerede weiterhin ein Problem. Wie geht man vor, wenn trotz schönen Papierverträgen und Regeln, Teilnehmer reale Gewalt ausüben?
Natürlich ist es absolut klar, dass diese Idee, so angenehm (sprich positiv) sie für die Menschheit an sich auch sein mag, weit weg von der Realität ist. Und höchstwahrscheinlich für eine längere Zeit auch im Reiche der Utopie verweilen wird – falls sie überhaupt mal eine Chance haben wird in Betracht gezogen zu werden. Aber im Fernseher wird der nächsten Generation von Menschen schon seit etlichen Jahren gezeigt, dass man bei Streitigkeiten nicht gleich einen Krieg anzetteln muss. Es geht auch anders: man holt seine Pokémons aus der Tasche oder auch Wahlweise das Yu-Gi-Oh!-Kartendeck und „bekämpft“ oder um es martialischer auszudrücken bekriegt, sich so. vielleicht findet manch einer auch an der Kampfweise wie sie bei Angelic Layer* zu sehen ist Zuspruch.
Und selbst die Kartenliebhaber der älteren Generation wissen, dass man einen Streit auch gut bei einer Runde Magic schlichten kann. Sowohl was die Ideen anbelangt, real geführten Krieg aus unserem Leben zu verbannen und die auch was die theoretischen und praktischen Möglichkeiten betrifft, ermangelt es uns jedenfalls nicht an brauchbaren Lösungen. Wir haben also alles Nötige in unserem Repertoire.
Das lässt bloß eine logische –aber auch, tragischerweise, die aller schwerste – Konsequenz zu: Wir, also die „Krone der Schöpfung“ (= Meister der Kriegsführung?) an sich, müssen es wollen! Und wenn wir Krieg, in erster Instanz vielleicht auch nicht unbedingt abschaffen können (oder wohl eher wollen), so müssen wir doch zumindest drastisch – finanziell und menschlich – den Willen aufbringen eben diesen einzuschränken!
Stefan Klein



