==Ernesto “Che” Guevara, Engel oder Teufel?
Das Buch von Jacobo Manchover “Das andere Gesicht des Che” * versorgt mittlerweile die Kontroverse um die politische Person des “Che”. War er ein Freiheitskämpfer oder, wie es das Buch beschreibt, ein Mörder? In der Tat, Ernesto Guevara war mal Revolutionär, mal Befehlsausführer niederer Aufgaben, “El Commandante” war ein Mensch wie jeder andere, der sich von seinen Leidenschaften übermannen ließ und der schlimmsten Vergehen imstande gewesen ist.
Am 9.Oktober 1967 erhallen im Kleinod von La Higuera Schnellfeuergewehrsalven die zum Tode von Ernesto Rafael Guevara de la Serna führen. Dieser Tod wird ein Mythos gebären, den Mythos des “Che Guevara”, unumgängliche Ikone einer jeden Revolution und Symbol des Kampfes für die Rechte der Unterdrückten. Doch wer war Ernesto Guevara? Ein wahrlich altruistisches Individuum wie es im Film “The motorcycle diaries” von Walter Salles oder doch ein Blutrünstiges Monster wie ihn Jacobo Manchover zu beschreiben vermag?
Hinter der charismatischen Darstellung des Mannes mit dem Stern an der Baskenmütze entdecken wir eine reißende Gestalt, kompromisslos und Furcht einflößend, behaftet mit einem revolutionären Gedanken, näher am Totalitarismus als am ideologischen Kampf für die fundamentalen Rechte der Menschen. Es muss sich daher die Frage stellen ob die kommunikative Kraft Castros nicht die Konsequenz der “Che Guevara Bewegung” war, die Millionen Menschen durch das Bild des Fotografen Alberto Korda übersetzten, und schließlich die Realität die Natur des Menschen eingeholt hat, verblendet vom ideologischen Kampf der geführt werden musste.
Politische “Message” für die einen, Marketingprodukt für die anderen, “El Commandante” hat niemanden gleichgültig gelassen. Stehen doch die tugendhaften Visionen im Vordergrund und verdecken die Fehler des sich im Kampfe befindlichen Menschen, der sich in der aufständischen Spirale mit ihrer ganzen Brutalität verfangen hat. Revolutionen sind aber nun einmal nicht frei von Gewalt und der Kampf für Freiheit geht nicht ohne Schmerzen und Hass einher. Doch darf auch dieser Kampf nicht in der Selbstherrlichkeit der Sache verenden. Die Lage Kubas ist ein eklatanter Nachweis hierfür – so die allgemeine Haltung des kapitalistischen Systems – hat sich doch Castros Revolution in ein starres Regime verwandelt, welches sein Volk unterdrückt, wo es doch einem besseren Leben versprochen war. Sich Fragen zu stellen über die Formen der Macht, die Mutation des Individuums zeigt uns, dass wenn auch einige Wahrheiten nicht gut auszusprechen sind, diese doch zum besseren Verständnis beitragen und uns verstehen lassen dass die Natur des Menschen dann zur Gefahr werden kann, wenn sie von zuviel Leidenschaft und Kampfeslust geprägt wird.
Dieser packende Kontrast zwischen der Ikone des “Che” und dem menschlichen Verhalten das Ernesto Guevara bezeugt wird, beweist dass über den Schein hinaus die Realität von punktuellen Situationen übermannt wird. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Weg der Revolution sein Teil an Veränderungen mit sich brachte, das gute und rechtschaffene ins böse und grausame verwandelte. “El Commandante” musste, ohne sich dem guten abzuwenden, auch dem bösen zuwenden falls es die Situation erforderte.
Folglich ist der Held an den wir hier erinnern wollen, von Handlungen die im krassen Gegensatz zu seiner Menschenliebe – immerhin war Ernesto Guevara ein Mediziner in Ausbildung und nicht ein simpler Soldat oder Guerillero – stehen nicht ausgenommen. Daher ist es schon von Interesse auch die Schattenseite, die jedem Menschen anhaftet, zu beleuchten und anzunehmen dass auch die respektabelsten Anlässe einem gewissen Nihilismus zu unterliegen vermögen.
Es geht denn auch nicht darum ein sektiererisches Urteil zu fällen, sondern eher die Handlungen geschichtsträchtiger Menschen zu begutachten, das positive vom negativen trennend. Ist dies doch der vernünftigste Weg die Realität in einer Welt anzugehen, wo alles gemustert, vorgefertigt ist und anzunehmen ist als sei es eine gute Sache. Doch die Grenze zwischen Mythos und Mystifikation ist dünn und hält gar manch böse Überraschung bereit für jene die dem Kampf um Freiheit und Recht stehen.
KP
(*) La face cachée du Che (205 pages) Editeur: BUCHET-CHASTEL / N° isbn: 978-2-283-02252-8