Ich würde ja so gerne Grosse Literatur schreiben, aber wie sollte ich? Ich habe weder Krieg noch Hunger (Diäten ausgenommen) erlebt, noch ist mir erwähnenswertes Unglück wiederfahren, noch leide ich an bösartiger Krankheit oder schrecklichen Familiengeheimnissen.
Ich habe keine Hunde, denen ich das artgerechte Kleinkindertotbeissen verbieten müsste, bin weder bluttrunkener Jäger noch (schlimmer!) Klimasünder, weil ich heroisch auf spritfressende SUV verzichte – genauso wie ein gewisser Politiker, der in einem Radiointerview behauptete, sein BMW X5 sei ein „ganz normales Familienauto“ – und ich unternehme auch keine Fernreisen, na gut, beides könnte ich mir eh nicht leisten, trotzdem leiste ich meinen Beitrag: ich habe meinen Söhnen das ozonlocherweiternde Pupsen untersagt.
Ich hadere noch nicht mal mit besonderer Wetterfühligkeit.
Wie soll unter solchen Umständen, Entschuldigung, Belletristik entstehen?
Man behauptet, ich würde in interessanten Zeiten leben, Terrorismus und so, aber das hat keinerlei Auswirkungen auf mich, ausser dass mein Arbeitsplatz neben der Synagoge liegt und ich deshalb schon mehrmals von maschinengewehrtragenden, schlechtgelaunten Polizisten vom Lieferantenparkplatz verwiesen wurde, und fast eine gebührenpflichtige Verwarnung wegen Beamtenbeleidigung kassiert hätte. Als ob ich mit meinem kindersitzbestückten, macdonaldsverseuchten Mini-Van eine Gefahr für die jüdische Gemeinschaft darstellen würde. (Na, gut. Vielleicht doch ein bisschen.)
Ich bin auch nicht Fan von irgendeinem Diktator, was mich medienwirksam dazu zwingen würde, den Heinrich-Heine-Preise abzulehnen.
Meine Nachbarn sind so aufregend, wie man es ich in einer Neubausiedlung nur wünschen kann.
Ich arbeite im Medienbereich, ebensogut könnte ich einer Versicherungsgesellschaft meine Dienste anbieten; die seelischen Abgründe meiner Kollegen reichen bestenfalls bis zu den Knöcheln.
Worüber sollte ich also schreiben?
Das Land, in dem ich lebe, zeichnet sich, ob politisch, sozial, wirtschaftlich oder kulturell vor allem durch Nachhaltigkeit aus.
Es war schon nachhaltig, bevor das Wort überhaupt erfunden wurde. Es hat sich weder durch Kriege, Revolutionen, Kolonialismus noch irgendwelche anderen Verbrechen an der Menschheit hervorgehoben. Es ist ein Ausbund von Mittelmässigkeit, und zwar in allen Bereichen.
Es ist resistent gegenüber Evolution, und deshalb recht erfolgreich.
Sollte sich mal eine Frage von imminenter Wichtigkeit auftun, wird eine Kommission gebildet, um jedweden blinden Aktionismus im Keim und mit dem Hinweis zu ersticken, dass der erwähnte Punkt nicht auf der Tagesordung steht, ausserdem habe man nach wochenlangen basisdemokratischen Grundsatzdiskussionen noch immer nicht entschieden, ob im Plenarsaal nun geraucht werden darf oder nicht.
Die Regierung dieses Landes beweist so beachtliches Sitzfleisch, dass es sogar globalen Heuschrecken das Fürchten lehrt. Und noch nicht mal aus Berechnung, sondern weil man weiss – und das hat die Historie bewiesen – dass sich die Aufregung früher oder später wieder legt.
(Dieses Land ist in der Vergangenheit immer wieder von zivilisierten Horden überfallen worden. Man brachte ihnen höfliches Desinteresse entgegen, schlussendlich ist es einem Barbaren egal, an wen er Steuern zahlt. Diese Einstellung hält sich bis heute.)
Geografisch ist dieses Land so klein, dass dem Eingeborenen ständig irgendwelche inzestuösen Verwandte über den Weg laufen.
Wie könnte man also bei der Vergabe von Arbeitsstellen von Nepotismus sprechen ? Hier hat man keine Schwierigkeiten mit fahnenschwenkendem Patriotismus. Zwischen all den Fahnen anderer Nationen fällt das nämlich gar nicht auf.
(Deswegen haben wir jetzt eine heraldische Diskussion am Hals: Querstreifen sollen ja mehr Profil geben!)
Unsere grossen Nachbarn werden mit freundlicher Verachtung und nicht zu verachtender Selbstironie als „die von der anderen Seite des Flusses“ oder „die jenseits der grossen Tankstelle“ oder „die, von hinter der Hecke“ bezeichnet. Diplomaten anderer Länder werden hierhin in den Vor-Ruhestand versetzt, denn das Schlimmste, was einem Diplomaten hier passieren kann, ist von einem besoffenen Lokalpolitiker als Geisel genommen zu werden.
Natürlich nur bis er umfällt und ausläuft. Der Lokalpolitiker.
Dieses Land wird gerne als grünes Herz Europas vermarktet. Oder als obskures Steuerparadies, wovon ich, als ehrlicher Bürger leider nichts merke.
Wie soll in einem solchen Land grosse Literatur entstehen?
Na, zunächst mal: überhaupt nicht.
Unsere Literaten haben die Sterbegrenze schon lange erreicht (andere die Grenze tout court überschritten), ohne gewillt zu sein, endlich abzutreten (In unserer kruden Sprache heisst das: „Tot, und zu blöd, umzufallen“.) Und Platz zu machen für nicht vom Kulturministerium subventionierte und von der Priesterschaft abgesegnete Schreiberlinge.
Ach, ja, die Tagespresse.
Nun, sie ist interessanter als die Gebrauchsanweisung für den Staubsauger und in etwa so informativ wie die Kalorienangaben auf der Frühstücksflockenpackung.
Nun, man braucht morgens was zum Lachen.
Will man Leserbriefe als Barometer der allgemeinen Stimmung nehmen, dann beschränkt sich die völkische Aufregung auf Folgendes: nicht autorisierte Hundehäufchen im heimischen Garten; Grundstücke, die nicht in den Bauperimeter fallen, obwohl Nachbars von Hundekacke verseuchte Wiese das tut; die Frage, ob das Leben allgemein so sein muss, denn früher ging’s schliesslich auch ohne, und niemand hat sich gross drüber aufgeregt.
Und sollten irgendwann mal Ausserirdische hier einfallen, dann würde sich irgendein besorgter Bürger bestimmt darüber beschweren, dass es den Ausserirdischen heutzutage an Respekt und Moral fehlt, weil sie ihre Sitze in den öffentlichen Transportmitteln nicht für ältere Mitmenschen freiräumen. Und eigentlich: wie soll man bei all den Tentakeln wissen, wer Männlein, und wer Weiblein ist, und ob in wilder Ehe verbandelt oder kirchlich-steuerlich getraut, und überhaupt: ist grün mit rosa Flecken jetzt das neue schwarz?
Natürlich gibt es regierungs- und allgemeinkritischen Ersatz.
Ersatz im französichen Sinne.
Er/Sie ernährt sich vegan (vegetarisch ist was für Weicheier-Innen), kauft nur bio-ethisch vertretbare Luxusartikel-Innen, verbreitet ironiefrei Verschwörungstheorien und „fickt das System“ indem er/sie sich (man/frau bewundere den ideologischen Märtyrer!) überdimensionierte Beamtengehälter in den politisch korrekten Gutmensch(Innen-)arsch schieben lässt.
Eines muss man ihnen lassen: sie haben die schwierigen Phasen der 68er Kulturrevolution (WG-Streitereien, Freie-Liebe-Eifersüchteleien, BH-Verbrennungen, strickende Männer und Klingelscherze) mit einem Satz hinter sich gebracht und sind jetzt schon da, wo Joschka Fischer erst mit 50 stand: bei der selbstzufriedenen Gewissheit, dass sich politische Überzeugung durchaus auf pekuniäre Belohnung reimt.
Na gut, da gibt es dann noch so ein Faltblatt, das immer Freitags erscheint, dessen Autoren unbegreifliche Vergewaltigungen der in ihren Artikeln verwendeten Sprachen begehen, auf noch so dämliche wie peinliche Eigennamen-Verballhornungen nicht verzichten mögen und wohl deshalb (verständlicherweise) auf Anonymität bestehen.
Man mag mit Genugtuung hinnehmen, dass selbes Blättchen deswegen erfolgreich verklagt und belangt wurde. (Leider nur in einem Punkt. Beleidigung der Intelligenz des Lesers scheint kein gegen das Menschenrecht verstossendes Verbrechen darzustellen.)
Ausserdem ist das Layout hässlich und unübersichtlich.
In diesem Land wird alle paar Monate ein Flüchtling wegen Drogendealerei – oder Verdachts auf Terrorismus – ins Gefängnis gesteckt, damit die örtliche Menschenrechtskomission nicht in Morosität versinkt.
Denn: dieses Land hat ernstzunehmende Probleme.
Zum Beispiel den besorgniserregenden Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die überdurchschnittliche Selbstmordrate.
Den unvertretbaren Anteil an Beamten in der Bevölkerung.
Die Anzahl der Ureinwohner sowieso.
Wir liegen in sämtlichen aufgezählten Punkten statistisch gleichauf mit den kanadischen Inuit.
Wir sollten, wie sie, Kooperativen gründen und traditionelle Kunst exportieren:
Esoterisches Kollektivhüpfen, Kinderbuchautoren und Stumme Missbilligung.
Leider habe ich jetzt keine Zeit zum Weiterschreiben, auch Dichter und Denker müssen mal. Zu Aldi.
(à suivre)