Im Folgenden das Interview/Gespräch von Gary, Pol und Johny mit Diff (Steve Differding, 32, Gesang und Gitarre bei Petrograd) über Musik. Motivation, Bedeutung, Entwicklung und Beziehung zur Musik von Diff sind Thema des sehr interessanten Gespräches gewesen. In der nächsten Queesch wird der zweite Teil dieses Interviews, mit den Themen Krieg, Frieden, Punk Szene und Friedensbewegung zu finden sein.
Fazit und Zitat:
„Ich will abends über mich selbst lachen können, sobald ich anfange bei mir alle 100% seriös zu nehmen, gebe ich alles auf.“
Gary: Warum machst du Musik, was ist deine Motivation und was bedeutet es für dich Musik zu machen?
Diff: Als ich angefangen habe Musik zu machen, lag einer der Beweggründe darin, dass ich extrem von der Situation in Luxemburg angepisst war. Ich bin damals mit Chris rumgelaufen, der spielte in dieser Metalband. Die auf einer Bühne zu sehen und das Drumherum fand ich einfach klasse. Im Grunde war ich aber immer angekotzt von der Tatsache, dass die Musik mich nie wirklich angesprochen hat und Luxemburg sich in allem, wie auch heute noch, 20 Jahre in der Vergangenheit bewegt hat. Diese Metalband (Kwizatz Haderach) produzierte einen Sound, der eigentlich schon am Aussterben war, die klangen wie Iron Maiden und Iron Maiden hatten ja realistisch gesehen nach „Number of the beast“ schon Feierband. Aber das war gerade die Zeit in Luxemburg aktuell. Keine Ahnung warum, doch das entwickelt sich halt hier so… Mich hat es angepisst, dass du Samstags abends nur auf abgefuckte Blues-Konzerte gehen konntest. Also ich hasse Blues wie die Pest, nix gegen die Menschen, die dem Blues-Sound etwas abgewinnen können, aber ich konnte und kann absolut nichts damit anfangen. Und es gab mehr Bluesbands als Kneipen!! Ich habe immer gedacht, irgendetwas müsste ich machen, um den ganzen Leuten zu zeigen wie borniert sie sind, die ganzen Hippies und Konsorten. Ich bin nicht gerade ein Fan der Hippie-Bewegung, doch das resultiert vor allem daraus , dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die fast den gesamten Hippie Scheiß mitgemacht hat – vor allem mein Vater. Irgendwann habe ich dann einen Typen kennen gelernt, der mir 250 Platten schenkte…na ja, ich sollte versuchen die zu verticken! Und ich weiß heute noch, dass ich während einem Monat nix anderes tat, als zu Hause zu sitzen und diese ganzen Platten durchzuhören. Ich war so begeistert davon, dass es etwas „Extremes“ gab, bei dem der Sound total Scheiße war, die Bands nicht richtig spielen konnten, es nicht darum ging einen perfektionistischen Sound zu machen, sondern einfach nur Lärm, mit Texten, bei denen du einfach bei dir selbst gemerkt hast: „das ist genau das was ich brauche“. Es ging gar nicht darum, irgendetwas intellektuelles zu bringen, sondern einfach nur um plakative Schlagwörter, Schlagwörter, die du eins zu eins in deinem Alltag wiederfinden konntest. Zumindest habe ich mir das selbst vorgesponnen . „Fuck the Police“, das war z.B. der Slogan, bei dem du gedacht hast: “Ey Mann, ich hasse auch die Polizei”. Ich habe an sich die Musik gebraucht, um das, was in mir war nach außen zu kehren. Obwohl ich bis dahin nie Probleme mit der Polizei hatte, das war ja ganz egal, war es so was von befriedigend solch ein Feindbild zu haben, zu wissen: „Ey Mann, ich bin einer der Guten, einer der Rebellen“.
So hat sich das eben entwickelt. Gemeinsam mit einigen Kumpels haben wir die Band „SUBWAY ARTS“ gegründet, wir konnten alle noch nicht spielen, hatten aber schon einen Bandnamen und ein Konzert organisiert, doch niemand von uns hatte ein Instrument. Also haben wir uns billige Instrumente gekauft und angefangen einen Song zu schreiben, natürlich wusste niemand, wie ein Song geschrieben wird… scheißegal! Das erste Konzert, wenn ich das heute sehen würde, ich würde mich im Boden vergraben und schämen, doch das erste Konzert war eher eine Party, es ging nicht darum Musik zu machen sondern einfach sich mit all den anderen zu besaufen und du standst da mit einer Gitarre und hast all die Klischees verkörpert, die zu der Zeit in Luxemburg als asozial bezeichnet wurden. Das war richtig cool, das hatte etwas.
Zu der Zeit hatte ich mir auch eine MDC Single gekauft und über den Sound relativ schnell gelernt, also habe ich mich auch schnell von den politischen Inhalten angesprochen gefühlt…
Gary: Was war MDC?
Diff: MDC war eine „Hippie-Core“-Band aus San Francisco, die hatten nebst den üblichen Texten gegen Rassismus, gegen Polizei, gegen Staat, für Anarchie, auch Songs über Vegetarismus, Tierbefreiung und Sexismus, also genau die Inhalte, die du als 15-16 Jähriger in einem dermaßen reaktionären Zwangskollektiv einfach nur ergreifend und mitreißend finden konntest.
Hinzu kam später meine Lebenssituation, dass ich nicht mehr bei meinen Eltern gewohnt habe, sondern mich in irgendwelchen Löchern herumgetrieben habe und dann passt das einfach, du bekommst das Gefühl vermittelt, von wegen: „Ey Mann, da ist eine neue Familie“. Der übliche Sozialisations-Prozess eben, den jeder Mensch durchlebt.
Das hat sich dann entwickelt, über Jahre, ich hab mir nie Gedanken über Musik gemacht, ich hab mir immer nur Gedanken über politische Inhalte gemacht. Ich habe Musik immer gebraucht als eine Art Vehikel, um das was, in meinem Kopf eingeschlossen war, nach außen zu transportieren; durch meinen Mund, durch meine Gitarre, gegen die Gesellschaft. Es war mir scheißegal, wie die Leute darauf reagieren würden, es ging mir niemals darum, politische Aussagen zu machen, um mir Freunde damit zu machen, sondern genau das Gegenteil, je mehr ich die Leute anpissen konnte desto besser habe ich mich gefühlt. Irgendwann ist eine Bewegung in Luxemburg aufgekommen, zu der sich mehr junge Menschen gesellten und irgendwie findest du das dann alles ganz schön und nett und wiegst dich in dieser ach so romantischen Nische, aber irgendwann hatte ich auch genug davon. Es ging mir enorm auf die Nerven. Das, was ich als meine neue Familie mir hervorgelogen hatte, fing ich an zu hassen. Diese „Szene“ hatte genau die gleichen erzkonservativen Attitüden angenommen, wie meine eigentliche Familie, wie die Gesellschaft, die wir doch alle so verachteten. Ich fühlte mich eingeschlossen, fühlte mich sogar verraten, weil es plötzlich ins bürgerliche ausartete, genau die gleichen Maßstäbe, genau die gleichen Anforderungen nur in verdrehter Form, Regeln, Dogmen, Zwänge – alles das was wir alle doch versuchten zu vermeiden und dem zu entfliehen!
Ich fing an, mich mit langsamen Schritten (es kam auch ein abrupter Schritt!) diesem Debakel zu entfernen, fing an mich für Musik als solche zu interessieren, den politischen Teil habe ich immer beibehalten, doch das Interesse für Musik in Form von Klängen, Emotionen und als Medium der Unterhaltung wurde immer größer.
Heute, wenn ich heute sage, warum ich die Musik gerne mache und was es für mich bedeutet, dann ist es auf der einen Seite noch immer der persönliche Exorzismus, d.h. alles was ich so erlebe, all die Erfahrungen die ich früher gemacht habe, die kotze ich immer noch durch die Musik heraus, verarbeite sie auch damit, und es ist meine kleine Projektionsfläche, die für mich „missbrauche“. Wobei ich damit aber nicht irgendwie probiere den Menschen etwas zu verkaufen, wenn jemand etwas davon auf- und/oder annimmt ist das seine/ihre Sache. Auf der anderen Seite ist die Leidenschaft zur Musik viel größer geworden, d.h. ich bin auch mittlerweile mehr am Sound interessiert und will mich auch musikalisch weiterentwickeln, obwohl ich merke, dass ich mich nicht weiterentwickeln kann, weil ich musikalisch, was das Gitarre spielen angeht einfach ein Versager bin. Jede/r der zwei Jahre lang Gitarre spielt, spielt 15mal besser Gitarre als ich. Ich habe mich nie mit meinem Instrument auseinandergesetzt, sondern damit wie ich Songstrukturen so schaffen kann, dass sie mir persönlich am besten gefallen. Und das ist für mich das, was für mich die Leidenschaft an der Musik ist! Einfach mich setzen, spontan ein Lied zu schreiben, es mit den Leuten im Proberaum teilen und beim Konzert den Leuten zu präsentieren, dabei etwas zu empfinden und wenn ich das nicht mehr bei einem Lied empfinde, dann will ich das Lied auch nicht mehr spielen. An sich mache ich all das in der Musik, was mir im Alltag entsagt bleibt. Was ich im Alltag verboten bekomme, das Spontane, Rebellische, Ungezügelte, Ungestüme, das Anarchische probiere ich in der Musik auszuleben.
Gary: Kannst du kurz sagen wie alt du bist, wann du in welcher Band gespielt hast und mit wem?
Diff: Jetzt bald 32 Jahre alt, geboren 1971, gleicher Tag wie Fußballgott Sergej Barbarez (Fußballspieler HSV)
Petrograd: Oktober 1996, vorher Bakunin Children.
Die Zeit von Bakunin Children war für mich eine experimentelle Phase, in welcher ich bewusst versucht habe rauszufinden was mir wichtiger ist, der Sound oder das Politische. Und ich habe einen Sound gespielt, der mich zum Teil angekotzt hat, die Texte hingegen fand ich spannend.
Damals habe ich gedacht: „Warum nicht diese Texte nehmen, sie mit einem Sound der melodiöser, poppiger, emotionaler klingt verbinden und unterlegen und sie somit gleichfalls aus dem Klischee heraus reißen?“ Das heißt, du bleibst nicht stur auf dieser 0815 anarcho-crust-punk-whateve Schiene, wo es nur um Politik geht, (zumindest gaukeln sich das viele vor!) sondern nötigst simplen Punk-Rock, was ja an sich nichts Weltbewegendes ist, und verbindest es darin mit schönen Melodien, mit Inhalten. So kam Petrograd zustande, das waren zu dem Zeitpunkt Fränk, Gilbert, Simone und ich.
Gary: Hörst du nur Musik vom gleichen Style oder auch andere?
Diff: Ich höre unterschiedliche Musik. Ab und an Punk-Rock, doch wenn ich ganz gezielt Musik „einsetzen“ will – zur persönliche Unterhaltung auf Dauer – ist es eine ganz andere Musik, Sachen wie Modest Mouse, Godspeed You Black Emperor, Joan of Arc, Mogwai, Arab Strap, Silver Mount Zion, Sachen die ich nie spielen würde, aber zu Hause gerne höre. Musik, die in mir ein gewisses Gefühl hervorruft, wo ich merke: „Das ist eine Befreiung“. Aber ich würde nie hingehen und diese Musik selbst spielen, erstens kann ich es nicht und zweitens würde es mir nicht mehr soviel Spaß machen die Musik zu Hause zu hören. So einen Sound wie Petrograd höre ich zu Hause quasi nicht, (gibt’s den eigentlich ) vielleicht Bands wie Hot Water Music, Buck, Turbostaat die liebe ich, vor allem auf dem Weg zur Arbeit oder wenn wir auf ein Konzert fahren, beim Bier trinken und um mich in Party-Stimmung zu bringen. Die einzige Band, die ich mir allerdings regelmäßig anhöre, und das vor allem beim Arbeiten am Computer, ist BORN AGAINST – so was wird es nie wieder geben!
Gary: Siehst du im Endeffekt eine Beziehung zwischen dem, was du hörst und dem was du spielst?
Diff: Nein, ich sehe da absolut keine Relation, ich will mir die auch gar nicht selbst einreden.
Gary: Doch die Musik die du hörst beeinflusst doch deine Person und deine Person beeinflusst wiederum die Musik die du machst, oder nicht?
Diff: Meine Person beeinflusst die Musik die ich mache, doch ich glaube nicht, dass die Musik, die ich höre meine Person beeinflusst. Also ich brauch auch eine gewisse Harmonie bei mir zu Hause und dann wähle ich mir auch ganz bewusst einen harmonischen Sound aus, also es ist viel schöner entspannt auf dem Sofa zu sitzen und Godspeed zu hören als eine Punk Band, denn du kriegst einfach dieses sphärische, dieses Abdriften mehr mit. Während die Punk Musik mich eher revoltiert, mich innerlich aufwühlt und ich den Drang bekomme, mich zu bewegen, doch zu Hause will ich mich nicht bewegen, da will ich wie ein Zombie auf dem Sofa sitzen (wenn ich denn mal die Zeit dazu habe ) und einfach Godspeed hören und nicht irgendwelchen Crust oder Punk.
Ich bin ja auch gar kein Freund der Sonne, ich hab lieber ein Sauwetter wie heute, weil das viel fatalistischer ist. Von daher hat Godspeed schon einen gewissen Einfluss auf mich, weil es fatalistisch, nihilistisch ist, sehr sogar, dramatisch, die Welt, die kurz vor dem Untergang ist, das gibt mir schon ne Menge. Doch ich würde das nie selber in der Musik ausleben wollen, ich könnte das auch nicht, das würde ja bedeuten, dass ich mich vor jedem Konzert in diese Situation hineinversetzen müsste und das will ich nicht, denn ich bin ja kein absoluter Pessimist. Den Sound, den ich jetzt produziere, kann ich eins zu eins nachvollziehen.
Gary: Wie ist es in einer Band, eine Gruppe von Menschen Musik zu machen? Das was du persönlich rüberbringen willst im Endeffekt zu fünft rüberzubringen?
Diff: Ah, ja, ich mach das ja in einem Team… Das ist eine verdammt schwierige Frage… aber ich versuche das gemäßigt zu erklären…, normalerweise ist es so, dass mensch eine Band mit FreundInnen gründet, mit denen mensch sich gut versteht, eine ähnliche Philosophie von Musik und dem was mensch machen will, hat. Bei mir war (ist?) das eigentlich nicht so. Ich hatte irgendwann die Idee im Kopf, die zwei Sachen, das heißt einen gewissen politischen Inhalt mit einem gewissen Sound, zu verbinden. Ich hatte aber nie das Gefühl, mir zwanghaft FreundInnen suchen zu müssen, mit denen ich jetzt Musik machen kann. Ich habe Musik und die Band als solches auch nie dazu auserkoren, meine sozialen Fähigkeiten zu testen, oder mich sozial einem Kollektiv einzugliedern. Das ist bis heute geblieben. Ich sehe die Band eher als freie Assimilation von Individuen mit denen ich Musik zusammen mache, die ich absolut schätze, zu denen ich Gefühle habe, trotzdem, und das weiß auch jeder in der Band, wenn morgen jemand die Band verlassen will dann bleibt trotzdem dieses Kollektiv frei assimilierter Subjekt bestehen. Ich will nicht diese Diskussion führen , dass jede/r austauschbar ist, nein nein, doch für mich persönlich ist es schlicht und einfach wichtig, dass ich meine Leidenschaft ausleben kann – ungebunden – und mit jede/r/m der mitmachen will werde ich Kompromissbereitschaft aufweisen, ich respektiere seine/ihre Meinung und baue sie auch in das Gesamtkonzept der Band ein, doch die Band als solches, ist nicht das, was für mich wichtig ist. Zu einigen in der Band pflege in eine innige Freundschaft doch ich sage immer, dass ich andere Leute in der Band als Menschen mit denen ich Musik mache bezeichne. Ich finde das weiter nicht tragisch, denn wenn ich Fußball spiele, dann um meine Lust am Fußball auszuleben und wenn ich Musik mache, dann will ich gerne meine Lust an der Musik ausleben. Und ich will nicht ständig soziale Interaktionen bewerten und mich damit auseinandersetzen, absolut nicht, ich will mich gerne mit der Musik auseinandersetzen und mich darauf konzentrieren, nicht auf das Fortbestehen eines absolutistischen Kollektives. Das heißt nicht, dass wenn irgendjemand in der Band ein Problem hat, ich das ignoriere, gar nicht, es ist auch einer für den anderen da. Das klingt für viele Menschen so was von daneben wenn ich diese Situation darstelle. Viele können da nur den Kopf schütteln oder sich sonst wie ergötzen und mir Egozentrismus unterstellen aber die Menschen, die mich kennen, wissen ganz genau was ich damit meine und mit diesem Statement bezwecken will. Es ist kein Zwangskollektiv und für mich ist und bleibt es mein Medium zum persönlichen Exorzismus.
Gary: Die ganze Band, also das was bei der Band als Musik herauskommt, das Gesamtkonzept?
Diff: Ja, das Gesamte, die Tatsache, dass ich soviel wie möglich Konzerte spielen kann, Platten aufnehmen kann, ist ein Teil von mir und ich lasse mir das nicht kaputtmachen, dadurch, dass ich glaube, ich müsste mich einem Kollektiv unterwerfen. Ich lasse mich auch z.B. nicht vom Kollektiv dirigieren indem ich mir sage, OK, jetzt ist der/die aus der Band und jetzt bricht das Kollektiv zusammen. Denn in dem Moment würde es schon wieder die Form eines Zwangskollektives annehmen und das will ich nicht. Es ist nicht meine Identität, meine Identität ist vielleicht, kann mensch hineininterpretieren, das was ich produziere, aber die Band ist nicht meine Identität. Wobei ich die Menschen aber absolut mag und super gerne mit ihnen Musik mache.
Johny: Ist „Kolleg“ für dich das gleiche wie Freundschaft?
Diff: Freundschaft ist für mich etwas sehr „Heiliges“, etwas sehr Starkes. Ich muss nicht hingehen und Kollegialität über eine gemeinsame „Aufgabe“ oder ein gemeinsames Interesse definieren, denn das würde ja bedeuten, dass ich alles mit den Menschen teilen würde. Meine FreundInnen sind schon zum Teil in der Band, also ich habe in der Band sehr starke Beziehungen, doch ich habe außerhalb der Band starke Freundschaften, die mir von einer anderen „Wichtigkeit“ sind. Zu einer Person ist die Beziehung und die Freundschaft, als die Person dazugekommen ist, noch intensiver geworden als vorher, vielleicht auch gerade erst durch die Band. Wenn das bei den anderen auch der Fall wäre, wäre das natürlich schön, ich würde aber lügen wenn ich sagen würde es ist so. Ich will in Sachen Freundschaft niemals jemandem etwas vormachen und schon gar nicht mir selbst.
Gary: Die Entscheidungen in der Band, wie werden die genommen?
Diff: Ui, noch eine triviale Frage. Es hängt immer davon ab, als was mensch eine Entscheidung definieren will. Es wird schon viel Wert darauf gelegt, dass wir gemeinsam an einer Entscheidung teilnehmen, wir tauschen uns darüber aus, wir versuchen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, und es kommt auch vor, dass ich mit meiner Meinung beispielsweise alleine vier anderen gegenüberstehe, dann ist das absolut in Ordnung, dann wird die Meinung der Mehrheit umgesetzt. Deren Vorstellung von etwas wird dann auch akzeptiert und respektiert. In dem Moment passe ich mich an, aber nur, wenn ich finde, dass es nicht Ideologie gebunden ist. Es gibt ja auch den Unterschied zwischen organisatorischen Entscheidungen, was in der Praxis umgesetzt wird und Entscheidungen, die zum Beispiel politische Inhalte haben. Sobald es anfängt eine Ideologie zu sein, wendet sich das Blatt und dann mache ich offensive Opposition. Dann kann es sein, dass ich z.B. ein Konzert mitspiele, aber auf dem Konzert mein Statement mache und das wissen die anderen dann auch, leider gehen sie meistens hin und vermeiden die öffentliche Konfrontation um ja Problemen aus dem Wege zu gehen. Ich würde sagen, dass die Entscheidungen von jedem in der Band getroffen werden, doch es gibt verschiedene Initiatoren in der Band. Z.B. kommt eine Anfrage bezüglich einer Veröffentlichung, dann mache ich mir sehr viele Gedanken darüber und trage das weiter in die Band und erwarte dann auch Stellungnahmen der anderen. Das ist auch nicht so, dass innerhalb von fünf Minuten die anderen eine Entscheidung treffen müssen, jede/r hat seine Zeit dafür doch wenn ich nach einer gewissen Zeit merke, dass niemand eine klare Position ergreift, heißt das für mich, dass niemand dagegen ist und dann interpretiere ich das als ein ja. Wenn aber irgendjemand in der Band sagt: „Ich finde das total Scheiße und will das nicht“, dann ist das gar keine Diskussion, dann wird das nicht gemacht. (Außer natürlich es ist ideologiebedingt. Dann sage ich, du kannst deinen Protest äußeren, doch die Mehrheit der Band sagt, wir machen das so, dann machen wir es auch so. Ich weiß noch nicht mal, ob mensch das demokratisch nennen kann. ) gut dass ich gerade bei den Themen selbst über mich lachen kann!
Dazu kommt, dass mensch nie vergessen soll, dass das was Petrograd produziert immer wieder nur an meiner Person festgemacht wird, ich höre immer nur Diff hier, Diff da. Mir persönlich ist das scheißegal, wenn die Leute meinen, sie brauchen irgendeine Person, um sie zu dämonisieren und die gesamte Band darauf zu reduzieren… Ich mach das Ganze, weil ich es schon verdammt lange und verdammt gerne mache. Doch für andere, die mal in der Band waren, ohne ihnen etwas böses unterstellen zu wollen, war es so etwas zeitliches, es war einfach schön dabeizusein, enthusiastisch, euphorisch und sobald es zu einem Knackpunkt kam, bei dem es hieß „So jetzt weiter“, dann haben die Leute oftmals einen Rückzieher gemacht. Und da entwickelst du auch, als jemand der das schon lange macht, gewisse Strategien, um dem anderen zu sagen: „Pass auf, ohne dass ich dir aufgrund meiner Erfahrung etwas vorschreiben möchte, doch du bist/sitzt erst seit kurzem in diesem Boot !“. Für viele, die Petrograd mitgemacht haben, war das etwas komplett neues, sie sind in einigen Fällen von einem Extrem in ein anderes katapultiert worden, mussten sehr viel aufsaugen und sind mit vielem nicht klargekommen und du versuchst den Leuten dann zu vermitteln, dass es nicht OK ist sich jetzt blind mit all dem nichtvorhandenen Background hinzustellen und einfach nein zu sagen sondern es wichtig ist, sich wirklich mal ernsthaft Gedanken darüber zu machen, sich mit der neuen Situation konstruktiv auseinander zusetzen, den Mist den mensch vorher erlebt hat (meist hat ein Mensch, der hierzulande Musik gemacht hat ja gar nix erlebt, was touren oder sonstiges bedeutet und niemand wird dazu genötigt mitzumachen) zu vergessen. Wenn dann ein vehementes „nein“ kommt und die Argumentation ist wirklich korrekt und fundiert, dann bin ich der letzte der sagen würde: „Nein, du musst das jetzt machen“. Aber sobald es heißt, ich nehme die Protestrolle nur um des Protestes wegen dann schalte ich gerne auf „queesch“ .
Pol: Denkst du, so wie du die Band, und so wie sie funktioniert, beschreibst, es auch funktionieren würde, wenn der Erfolg – und ein gewisser Erfolg ist ja da – nicht da wäre?
Diff: Das ist dann noch ein weiteres Thema. Ich bin z.B. einer der Leute, die sich permanent gegen diesen Erfolg wehren. Denn ich versuche andauernd auf dem Boden zu bleiben, wir hatten schon zwei Anfragen von Major Labels und zweimal ist an dieser Diskussion ein Teil der Band auseinandergebrochen. Denn es ging um die Zukunft der Band, es hätte in dem Falle bedeutet, dass die Band ja sagt zur modernen Sklavenarbeit? Das ist natürlich verkürzt, aber bedeutet es, dass wir uns jetzt irgendeinem Management unterwerfen und den Spaß an der Musik verlieren, aber damit Geld verdienen, oder bedeutet es, dass wir wirklich weiterkommen als Band? Nach den Verträgen, die vorgelegt wurden, hat es immer danach ausgesehen, dass wir nur die Mittel sind um Geld zu machen. Dadurch, dass ich jeden Tag arbeiten gehe, produziere ich per Definition Wert, also soll ich jetzt auch nicht den bösen Manager oder die böse Plattenfirma für mein Wertproduzieren verdammen denn ich bin ja derjenige der mitmacht, der den Wert produziert und sonst niemand. Also ist eine Unterschrift auf einem Major Vertrag nix anderes als das was im Alltag ich eh schon bereit bin zu leisten. Nur mach ich einen klaren Unterschied zwischen meiner Arbeit und der Musik als Arbeit! Ich finde, dass gerade zu Momenten, wo eine solche Diskussion innerhalb der Band geführt wurde, verschiedene eine Richtung eingeschlagen haben, die niemals von mir gewollt war und gegen die ich mich immer gewehrt habe. Und ich wehre mich auch noch heute dagegen. Wenn wir jetzt wieder ein Angebot von einem Major Label bekommen würden, dann würde die Diskussion wieder ausbrechen und es wahrscheinlich wieder zu einer Spaltung kommen, doch dann denke ich, dann ist diese Spaltung auch richtig. Ich will diesen Weg einfach nicht gehen, denn für mich ist es wichtig, dass ich wenigstens meine Musik selbst bestimmen kann. Wenn ich schon dazu gezwungen bin, in der Warengesellschaft arbeiten zu gehen um zu überleben, dann will ich nicht auch noch Musik dazu missbrauchen. Denn, wenn ich jetzt auch noch Musik zu meinem Beruf machen würde und ich müsste „dem da oben“ gehorchen, dann hätte ich doch gar keinen Spaß mehr. Was würde ich dann machen? Dann wäre jedes Konzert mein Job. Ich habe jetzt schon Momente, wo ich mir sage, da muss ich durch obwohl es keinen Spaß macht, doch das hat mehr mit meiner Gesundheit zu tun und ich beiss in dem Moment auf die Zähne, weil es denen anderen Spaß macht und ich sage mir, dass ich es wegen ihnen machen muss, dass ich ihnen das auch schuldig bin. Im Endeffekt bin ich froh darüber, es gemacht zu haben und es war gut. Doch ich will es nie aus einer finanziellen Abhängigkeit heraus machen. Dann ist deine Musik nichts mehr als ein entfremdetes Produkt! Produktion der Produktion wenig sonst nix!
Dieser von dir erwähnte Erfolg kommt daher, dass wir sehr viel selbst gemacht haben und uns da reingehängt haben und nicht zu Momenten auseinander gebrochen sind bei denen verschiedene Divergenzen da waren.
Als nächstes werde ich mehr Songwriting, mit akustischer Gitarre mit Elektrosachen dazu, Scheiße machen. Alleine oder mit anderen zusammen, mal schauen, ich habe auf jeden Fall Lust das zu probieren.
Gary: Das heißt du fängst jetzt eine Solo-Karriere an
Diff: Ich mache Solo, aber keine Karriere, ich muss und will keine Karriere machen.