Theoretische Utopie

Eine andere Welt ist möglich! Eine gewaltfreie Kultur der Solidarität und der Kooperation kann das chaotische kapitalistische Ausbeutungssystem ersetzen. Die Situation der Erde ruft nach einem radikalen Wandel in den wesentlichen Bereichen des Lebens. Es braucht Forschungsplätze und konkrete Erfahrungsräume, wo die geistigen und sozialen Bedingungen im Sinne einer strukturellen Gewaltfreiheit erarbeitet, ausprobiert und entsprechende Alternativen realisiert werden.

Schon seit Anbeginn des kapitalistischen Modernisierungs- und Individualisierungsprozesses haben assoziative bzw. gemeinschaftliche Lebensformen in kollektiver Selbsthilfe den psychischen, sozialen und materiellen Folgekosten entgegenzuwirken versucht und versuchen heute wieder verstärkt auch neue, alternative Formen des Zusammenlebens zu finden. In der Rubrik Utopie konkret, wollen wir von dieser Ausgabe der Queesch an Beispiele experimenteller Vergemeinschaftsformen (Kommunen, Siedlungskolonien, Wohngemeinschaften, Genossenschaften, Ökodörfer, Soziale Zentren, Selbstverwaltete Jugendhäuser, …) beschreiben, unsere Erfahrungen und Hoffnungen austauschen, praktische Tipps geben um zu motivieren konkret den Aufbau von Gemeinschaften als konkrete Lebensform des Friedens zu betreiben.

Hallo Du ! 11.4.2002

Ich weiss noch nicht richtig, was das hier jetzt so werden wird, aber ich habe mal vor einen Brief an Menschen zu schreiben die ich liebe. Und mit denen ich gerne zusammen leben möchte und das zum Teil auch schon mache.

Einer der Hauptgründe des Briefes ist das Thema „zusammen wohnen“. Ich schreibe diesen Brief jetzt, weil in naher Zukunft grosse Veränderungen auf uns zukommen und dieser Brief hoffentlich dazubeitragen wird, dass es schöne Veränderungen werden.

Wie Du ja weisst, träume ich davon mit Menschen zusammen zu wohnen die ich liebe. Und ich liebe viele Menschen und möchte gerne mit vielen Menschen zusammen leben. Das mache ich ja auch jetzt da ich ja in einer Stadt mit vielen Menschen zusammen lebe, doch so wie das jetzt läuft gefällt es mir nicht, ich habe ja nicht mal ne Beziehung zu meinen Nachbarn, und ich möchte aber von lieben Menschen umgeben sein. Am liebsten würde ich ja in einem Dorf leben, mit vielen Freunden zusammen, aber auch wenn ich schon ein paar Dutzend Leute finde, die bereit so ein Projekt mitzumachen, bin ich schon sehr froh. Nur im Notfall kann ich mir vorstellen, mich z.B. für einen Menschen zu entscheiden und dann mit dem alleine zusammen wohne, so wie fast alle Paare es heutzutage tun.

(nur als kleine Bemerkung; es fällt mir ziemlich schwer hier das auszudrücken was ich eigentlich ausdrücken will, aber ich hoffe ihr versteht trotzdem was ich sagen will und wenn nicht, fragt nach!)

Auch möchte ich gerne meine Zeit wirklich sinnvoll einsetzen, bewusst leben und so leben, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss. Nicht vor mir, nicht vor anderen Menschen und auch nicht vor der Natur. Ich möchte die Gedanken die ich habe auch aussprechen können und vielleicht sogar verwirklichen können. Ich möchte gesund leben und mich gut in meinem Körper spüren. Also einfach glücklich sein!!

Das will ich schon lange, und es fällt mir aber sehr schwer, dahinzukommen. Und ich glaube, dass das viel damit zu tun hat, weil ich in einer Leistungsgesellschaft lebe welche einem keine Zeit lässt sich selbst zu sein oder sogar hart bestraft wenn mench wirklich ausspricht oder macht was er/sie denkt. Alle sollen/wollen Grosses leisten und reich werden! Auch ich will das, aber irgendwie verstehe ich etwas anderes unter den Wörtern „reich werden“ und „grosses leisten“, nämlich z.B. „reich“ an Freunden sein, reich an schöner Natur, lachenden Menschen und vieles mehr. Ich finde ich habe was Grosses geleistet, wenn ich jemandem richtig zugehört habe oder wenn ich einen traurigen Menschen sehe und ich ihm ein schönes Gefühl geben kann, oder auch wenn ich kein Auto fahre usw.. Und glücklicherweise gibt es trotzdem noch viele Menschen welche auch eher solche Sachen als Leistungen ansehen und dich deswegen respektieren und oft sogar lieben. Und das ist ein viel schöneres Geschenk als z.B. Geld, die Währung mit der die meisten Leistungen in unserer Gesellschaft bezahlt werden.

Und da ist der Haken, die Gesellschaft will dich nicht wählen lassen. Sogar für die elementarsten Sachen wie Essen und wohnen, wird soviel Geld verlangt, dass mensch quasi gezwungen ist eine Ganztagesarbeit anzunehmen. Auf jeden Fall gezwungen ist sehr viel Kraft darin zu investieren Geld zu bekommen, Kraft die ich dann nicht mehr habe um das zu leisten was ich kann und will.

Aber es gibt auch Auswege aus dieser Situation, Alternativen und die können wir nur zusammen finden, es sei denn mensch will sein Leben alleine schmeissen.

Die WG und Life und unsere andere asbl. sind zum Teil solche Alternativen. Durch die WG kann ich z.B. mit Menschen leben die ich liebe, und daraus Kraft ziehen um mich nicht von der „anderen“ Leistungsgesellschaft kaputtmachen zu lassen und ihren Weg zu gehen. Durch Life gelingt es uns auch immer wieder zusammen wirklich schöne Initiativen zu verwirklichen und auch immer neue Menschen kennenzulernen die eine Alternative zu dieser von mir ziemlich verhassten Leistungs- und Stressgesellschaft suchen.

Doch ich muss immer wieder erfahren, dass viele Freunde von mir, zwar auch nicht mit dieser Leistungsgesellschaft klarkommen und sie sogar sehr schlecht finden, und auch ein bisschen auf Alternativen zurückgreifen, früher oder später sich dann doch total dieser Gesellschaft anpassen.

Ich habe z.B. das Gefühl, dass die meisten die jetzt sagen, sie würden niemals in einem Büro arbeiten, doch später nicht nein zu einem solchen Beruf sagen. Und ich kann das gut verstehen, denn es ist schwer einem Beruf nein zu sagen, wenn mensch z.B. jeden Monat 50’000 Franken (1250 Euro) für seinen Prêt von seinem Haus zurückbezahlen muss, und das während 20 Jahren. Und ich kann auch gut verstehen wenn jemand einen solchen Prêt macht, denn ohne Haus lebt es sich schlecht und ob mensch soviel Geld in Miete investiert, dann ist es schon schlauer in ein eigenes Haus zu investieren.

Und doch will ich es unbedingt anders machen. Ich denke, dass wenn mensch zu genug ist, wir uns quasi unser eigenes „Paradies“ aufbauen können. Ich habe mir schon sehr viele Gedanken über Wege dahinzukommen gemacht, ich werde auch hier ein Beispiel aufschreiben, aber ich glaube die besten Wege können wir nur zusammen finden.

Eine Idee, die ich z.B. habe ist, dass wenn wir wissen (oder uns denken können), dass die harte Realität uns doch einmal dahinbringen wird, dass wir uns dem System anpassen. Und wenn wir trotzdem wissen, dass wir eigentlich viel lieber zusammen unser eigenes „Paradies“ aufbauen würden, dann könnnen wir auch jetzt uns bewusst für eine Zeit dem System anpassen soweit es nötig ist um z.B. das nötige Geld zu haben um uns unser „Paradies“ (z.B. ein Bauernhof mit Riesengrundstück oder mehrere Häuser nebeneinander) zu kaufen. Z.B. wenn das 20 Millionen kosten würde und wir wären zu 10, dann müsste jeder so 3-5 Jahre arbeiten und alles sparen um dann diese Summe zu haben. Und zusammen können wir auch locker einen Betrieb aufbauen um uns selbst zu versorgen.

Aber das ist nur eine von vielen hundert Möglichkeiten, und vielleicht sogar eine schlechte. Am wichtigsten sind sowieso wir, nur wir können herausfinden was wir wirklich wollen, ich kann nur für mich reden und mir vorstellen was die anderen wollen. Nur wenn wir es fertigbringen eine Gruppe zu sein, in der jeder den anderen so respektieren will wie er/sie ist, kann das auch was werden. Ich habe mal in einem Buch ein paar gute Sachen gelesen, welche in einer solchen Gruppe gegeben sein sollten:

-jeder soll sich sicher fühlen können und den Menschen mit denen er/sie zusammen ist, vertrauen können

-mensch sollte neugierig sein und bereit sein, ein Risiko einzugehen

-mensch sollte neues Verhalten in einer entspannten Atmosphäre handelnd erproben können

-wenn mensch alternative Möglichkeiten des Verhaltens, bei anderen beobachten kann;

-wenn mensch eigene Schwächen und Unvollkommenheit akzeptiert und nicht krampfhaft perfekt werden will;

-wenn auch die anderen einen so akzeptieren wie mensch ist.

Als unvollkommene Person akzeptiert zu werden und Fehler machen zu dürfen, sind ebenso wichtige Vorraussetzungen für soziales Lernen wie Neugierde und Bereitschaft, ungewohntes Verhalten spielerisch zu erproben.“ (aus Otto Marmet’s Ich und Du und so weiter)

Ich denke, dass wir noch viel lernen und noch viel miteinander reden und einander zuhören müssen um auf einen solchen Punkt zu kommen.

Für mich ist das ein Lebensziel, z.B. will ich auch lernen und die Möglichkeit in meinem Leben schaffen, anderen Menschen richtig zuzuhören. Und das geht nur wenn mensch genug Zeit hat für den anderen da zu sein und sich auf ihn einstellen kann und aufmerksam sein kann. Eigentlich möchte ich ja jedem Menschen der mit mir redet, richtig zuhören, doch in Wirklichkeit gelingt es mir oft nicht mal bei meinen besten Freunden. Ich denke das liegt zum Teil daran, dass niemand richtig Zeit hat und auch nie den Kopf frei hat um wirkliche Gespräche zu führen.

Ich glaube ein anderer Grund ist der, dass viele meiner Freunde nicht wirklich daran glauben, dass wir wirklich ein schönes Leben leben könnten und deswegen auch nicht bereit sind einen wirklichen Schritt in diese Richtung zu gehen. Weil oft ist auch die Angst da, dass wenn wir einen solchen Schritt machen und das dann aber nicht klappt, wir uns in einer ausweglosen Situation befinden (ohne Job, ohne Geld, ohne Haus…)

Und so ist dann auch keine wirkliche Diskussion möglich, keine die zu etwas führt. Und wenn sie zu etwas führt, dann meistens zu dem Schluss, dass der andere sich lieber so gut wie möglich unserer Leistungsgesellschaft anpasst als das obengenannte Risiko einzugehen. Was ja auch gut verständlich ist, bei Menschen die nicht daran glauben, dass das klappen könnte.

Auch ich bin mir nicht sicher, dass das so klappen könnte wie ich mir das vorstelle. Weil die meisten von uns irgendwie schon so kaputt sind, dass wir es vielleicht nicht schaffen werden. Und trotzdem glaube ich daran, weiss ich, dass es möglich ist und sowieso kann ich nicht, will ich nicht anders leben. Und ich weiss auch was mir meine Kraft nimmt und was ich machen müsste um sie wiederzubekommen. Doch es ist sehr schwer dieses Wissen in die Tat umzusetzen. Das was mir eigentlich am meisten Kraft nimmt, ist dass ich jeden Monat Geld auftreiben muss. Und das geht nur wenn ich Kraft in einen für mich sinnlosen Job stecke, Kraft die ich dann nicht mehr habe um mir eine Situation aufzubauen wo ich z.B. das Geld was ich brauche über einen sinnvollen Job reinbringen kann. Oder eine Situation haben in der ich kein Geld brauche.

Diese Möglichkeit wir jetzt vielleicht Wirklichkeit. Im September wird eine Wohnung frei die meinen Eltern gehört. Und vielleicht kann ich da umsonst wohnen. Dann würde ich fast kein Geld mehr brauchen und hätte die Gelegenheit meine Kraft in wichtige Sachen zu stecken wie aufhören mit kiffen, gesund essen und leben und um vielleicht mit Dir an unserem kleinen „Paradies“ zu arbeiten. Das wäre für mich ein sehr grosser Schritt, vor allem der Schritt erstmal ne Zeit alleine, nicht mehr in der WG zu wohnen. Doch ich weiss, dass obwohl mein schönster Lebenswunsch ist mit Menschen zusammen zu leben die ich lieben und die mich lieben, ich jetzt erstmal ne Zeit für mich brauche in der ich viel alleine bin und alles das verarbeiten kann was ich bis jetzt erlebt habe. Diese Möglichkeit habe ich glaube ich nicht in der WG, weil ich mich da zu leicht ablenken lasse und es auch nicht gross genug ist um wirklich seine Ruhe da zu haben. Auch glaube ich wird es Diane und mir gut tun eine Zeitlang nicht auf so engem Raum zusammenzuleben, denn nachdem wir 5 Jahre fast jeden Tag zusammenhängen wird es immer schwieriger noch wirklich für den anderen da zu sein und nicht nur aus Gewohnheit oder so.

Darum will ich auch, wenn wir wirklich mal zu vielen zusammen leben wollen, dass das vielleicht ein paar Häuser und Wohnmobile sind damit jeder die Möglichkeit hat mal Abstand zu nehmen oder sich zurückzuziehen ohne dass er/sie gleich die Gemeinschaft verlassen muss. Denn niemand von uns ist glaube ich stark genug um lange auf kleinstem Raum mit verschiedenen Menschen zusammenzuleben.

Ich habe aber eigentlich nicht soviel Angst die WG zu verlassen denn ich glaube, dass ich immer hingehen kann wenn ich will. Und die Menschen die da leben werde ich bestimmt nicht verlieren uns sowieso mache ich das ja, damit ich nachher wieder mit ihnen zusammen leben kann.

Das ist ja auch ein Thema, welches die Existenz der WG direkt betrifft. Im Moment müssen wir sowieso schauen wie es weitergehen soll, denn Ini hat z.B. gesagt dass sie so im Juni umziehen wird und ich will eigentlich auch so früh wie möglich hier raus, auch wenn ich erst im September nach Differdingen gehen kann. Dann werden also zwei Plätze frei und wir müssen herausfinden ob der Vermieter die Wohnung überhaupt auf einen anderen überschreibt.

Bis jetzt wurde noch nicht soviel darüber geredet wie das jetzt weiter gehen soll und wer denn so kommen soll, aber z.B. ist im Gespräch dass die 2 Martines hier wohnen wollen. Was ich persönlich sehr schön finden würde, denn ich fühle mich sehr wohl mit ihnen. Wir müssen aber noch herausfinden wie wir das denn machen werden. Zum Beispiel wird das finanziell bestimmt nicht so einfach, weil die brauchen ja aber bestimmt mindestens 500 Euro pro Monat (wovon schon 322 für die Miete und Charges weggehen) wenn nicht sogar mehr. Eine Lösung wäre vielleicht ein Freiwilligendienst, aber dann muss Life noch fleissig Geldmittel auftreiben.

Ein Gedanke der viel in meinem Kopf rumschwebt, ist der, vielleicht jetzt schon nach einem oder mehreren Häusern zu suchen, denn es gibt ziemlich viele Menschen die interessiert wären in einer WG zu wohnen, z.B. Pi, Jengi, Johny, Ini(?), Babe, Martine, Martine, Sacha, Gary, Jean-Luc, Chris(?), und bestimmt noch einige andere. Vielleicht könnten wir ja einen Brief an Gemeinden, Zeitungen und Immoilienfirmen schicken und fragen ob sie keine Häuser haben in denen wir eine WG machen könnten. Natürlich muss mensch erst wissen wie Ernst es den einzelnen Leuten ist und unter welchen Umständen sie bereit wären an einem solchen Projekt teilzunehmen.

So, jetzt habe ich erst mal genug geschrieben und bin froh, dass ich aber ein paar Gedanken hier zusammenbekommen habe. Und ich hoffe ihr konntet alles verstehen. Ich gebe dir diesen Brief jetzt einfach mal damit Du vielleicht ein bisschen mehr weisst was ich so denke und um vielleicht herauszufinden was du denn so denkst.

Vielen Dank fürs Lesen!!!

Ech hun dech gär!!

Johny

Interesse an alternativen Wohn-und Lebensgemeinschaften in Luxemburg?

Wenn ja, dann lasst uns zusammen in diese Richtung gehen. Nach den Sommerferien wollen einige Leute aus dem Umfeld des Infoladens sich regelmässig treffen um auch in Luxemburg gemeinschaftliche Projekte in Luxemburg zu entwickeln und umzusetzen.

Lasst uns die Welt gemeinsam ändern. Es wird Zeit…

Filed under: PapierQueesch,Queesch Nr. 1 — johnny - July 8, 2002 1:21 pm

Trenner

Queesch gestallt

In den Monaten nach der Queesch-Nullnummer haben reichlich kleinere und grösser Aktionen und Veranstaltungen stattgefunden. Jede Einzelne, unabhängig von Grösse und politischer Aufmerksamkeit ist ein Zeichen von Unzufriedenheit mit dem Bestehenden – “sech queesch stellen!”

Wir wollen hier eine Chronik aufzeigen, die leider meist nicht in die Tiefe geht, doch die Information liefert, dass mehr geschieht als mensch manchmal glaubt und auch einen Überblick darüber verschafft. Um den Effekt von verschiedenen Aktionen zu vergrössern oder seine Ausrichtung ist jedeR Einzelne von uns gefördert, deshalb ist eine Debatte darüber auch sehr wichtig. Zu diesem Zweck kannst Du auf www.infoladen.lu Artikel, Kommenatere zu bestehenden Artikel (inklusive die aus der Queesch) und Beiträge im Forum schreiben sowie einfach einen Artikel/Leserbrief/Kommentar für die nächste Queesch einschicken.

Ausführlichere Berichte der verschiedenen Aktivitäten sind auf www.infoladen.lu zu finden!

Am 20. April hat im Casino Syndicale eine Konferenz mit Jugendlichen über den Nahost-Konflikt stattgefunden. Die Jugend fir Fridden a Gerechtegkeet hatte dazu Yehuda und Alexandre eingeladen. Beide wohnen in Paris, Yehuda ist aus Israel und hat da den Kriegsdients verweigert und Alexandre war sechs Wochen in einer zivilen Mission im Palästina. Auf der Konferenz waren 70 Interessierte und davon 25 Jugendliche.

Ausserdem haben im April einige Demonstrationen anlässlich des Nahost-Konfliktes stattgefunden. So waren zweimal Aktionen anlässlich der Aussenministertreffen auf Kirchberg und Mittwochs Nachmittag hat manchmal eine Aktion auf der Place Clairefontaine stattgefunden. Hier sind auch Photos auf www.infoladen.lu zu finden.

Eine fette Tierrechtsaktion fand am Abend der Galavorstellung des Zirkus Krone in Lux-City statt. Es werden wohl über 30 Junge Menschen gewesen sein, die mit Trommeln, Stelzen, und viel Kreativität auf die Tierquälerei aufmerksam machten, denen viele Tiere in diesem Zirkussupermarkt ausgesetzt sind. Zirkus ja, aber er sollte allen, also auch Elefanten und Löwen, Spaß machen. Wie schön war es da zu sehen, dass einige Besucher ihre Eintrittskarten kurzerhand zerissen.

Viel Spass machte auch das schon fast traditionelle Besetzen des Armeestandes, dieses Mal auf der Frühjahrsausstellung. Über 2 Stunden machten wir den Militaristen das Leben schwer indem wir reichlich Lärm machten und auch mit einem Die-In auf das eigentliche Wesen jeder Armee aufmerksam machten: Tot und Zerstörung. Peace Now!

Einige Aktivisten aus Luxemburg waren im einige hunderttausend Menschen zählenden Empfangskommitee für „W“ Bush in Berlin, die diesen mit „Kuhtreiber statt Kriegstreiber“ in seine texanische Wüste wünschten. Stoppt das Bush-Feuer. Nie wieder Krieg!

Zum 1. Mai reiste die „Jugend fir Fridden an Gerechtegkeet“ nach Thionville um gemeinsam mit 10 000 anderen Antifaschisten gegen Le Pen und die Faschisierung der Gesellschaft zu demonstrieren. A bas le Front National. Nous sommes tous des enfants d’immigrés.

Am 20. Juni hat seit langem wieder eine Tauschbörse stattgefunden. Der von „Lokalen Tauschsystem Kordall“ in „Tauschkrees Lëtzebuerg“ umbenannnte Tauschring hat es 10 fleissigen TauscherInnen ermöglicht die verschiedensten Waren zu tauschen – nicht Buch gegen Lampe – sondern Buch gegen „Kären“, einer fiktiven Währung. Mehr dazu auf www.tauschkrees.lu .

Am Vortag der Nationalfeiertags hat die „Jugend fir Fridden a Gerechtegkeet“ auf der Königswiese ein Anti-Monarchie Fest organisiert und bei relaxer Stimmung und Musik nicht fèr den Grossherzog gebremst…

Am 9ten Juli fand auf dem Stadhausplatz eine Demonstration für eine tolerante Cannabispolitik in Luxemburg statt. Diese war die erste öffentliche Aktion der „Initiative für eine tolerante Camnnabispolitik und ehrliche Suchtprävention“. Trotz der vielen guten Reaktionen auf diese Aktionen sowie den vielen Besuchern auf unserer Website, erschienen „nur“ um die 300 Personen zur Demo. Allen im allen war es ein gelungener Tag an sich und er hatte auf jedne Fall wieder eine Debatte angestossen. Wirkliche Hintergründe zur Demo sind auf www.act4cannabis.lu zu finden.

Im Juli sind einige AktivistInnen aus Luxemburg zum „No-Border-Camp“ in Strassburg gefahren. Von den Menschen her und der Stimmung hat es ihnen wohl sehr gut gefallen, doch sagten sie, wie ein Bericht auf Indymedia bestätigte, dass die Kommunikation auf dem Camp, also auch in grossen Plenen und nach aussen, also mit der Öffentlichkeit nicht berauschend war. Auch war zu vernehmen, dass die Repression der Strassburger Polizei ziemlich stark war. Auch hat nach einigen Aktionen auf dem Camp eine Gewalt-Diskussion angefangen, was ziemlich viel Energie beansprucht hat, die auch anders hätte benutzt werden können, wie z.B. für kreative Aktione wie sie auch trotzdem stattgefunden haben.

Mit dem Frühjahr und Sommer ist auch die Critical Mass wieder auferstanden. Die grösste Auferstehung war es jedoch nicht, da die maximale Beteiligung bei 7 SkaterInnen und RadlerInnen lag…. Gegenüber den 30 die im vorherigen Jahr dreimal dabeiwaren ist das jedoch dürftig…. auf der anderen Seite muss mensch bedenken, dass damals auch reichlich Werbung gemacht wurde. Tatsache ist einfach, dass gegenüber anderen Städten in Luxemburg nicht viele Menschen in ihrem Alltag in der Stadt Fahrrad fahren und somit die Motivation auch nicht so gross ist einmal im Monat in einer Gruppe den Autos zu zeigen, dass für sie auch Platz sein soll. Doch das beweist, dass die Situation in Luxemburg noch schlimmer ist und wir vor allem deshalb uns für mehr Fahrradwege und am besten eine autofreie Stadt einsetzen sollten! Also macht mit! Jeden letzten Freitag im Monat treffen wir uns um 17:30 am städtischen Bahnhof und fahren um 18:00 Uhr mit Musik los! Noch besser wäre es Du könntest Flyer verteilen und Leute mobilisieren. Eine Vorlage ist auf www.infoladen.lu .

Zwischen April und Juli haben auch einige Info- und/oder Filmabende in der Schréibs stattgefunden. Mit einer Besucherzahl zwischen 4 und 12 Menschen sind wir gar nicht mal so unzufrieden und werden nach Anschaffung einer ganzen Videoreihe dieses Veranstaltungen beibehalten.

Ausserdem haben wir wieder zweimal eine Volksküche (VOKÜ) organisiert. Die erste VOKÜ nach langer Zeit war auch erstaunlich gut besucht. 30, meist Jugendliche haben sich das leckere vegane Essen „gudd schmaache geloos“ Die zweite VOKÜ kannte jedoch nur die Bands aus der Kulturfabrik als Gäste. Beide Male hatten wir jedoch durch die Umbauten in der Kulturfabrik nervende Probleme und hoffen, dass sich das in Zukunft bessert. Watch out for Photos on infoladen.lu!

Filed under: PapierQueesch,Queesch Nr. 1 — Queesch - 1:19 pm

Trenner

D’Wett verluer ? – Klima verluer ?

Im Januar letzten Jahres hat nach langen Vorbereitungen erstmals eine Wette mit der luxemburgischen Regierung begonnen: SchülerInnen aus 6 Schulen haben mit Premierminister Juncker und Staatssekretär Berger gewettet, dass sie in mindestens 4 Schulen 8% CO2 in 8 Monaten, statt den 8 Jahren, welche die (EU)Politiker dafür brauchen, einsparen um somit dem Klima noch eine Chance zu geben. Nach fast einem Jahr der Zahlensammlung und –auswertung ist das Resultat jetzt bekannt:

Die SchülerInnen aus 8 Luxemburger Schulen haben die Wette mit der Regierung verloren!

Ist unser Klima jetzt ganz verloren? Wenn die SchülerInnen es nicht hinkriegen und die Politiker scheinbar sowieso nicht. Der Wettpartner und Premierminister Juncker kündigte bereits anfang des Jahres an, dass Luxemburg seine Kyoto-Ziele wahrscheinlich nicht erreichen werde. So krass es auch ist, es wundert uns leider nicht mehr. Denn die SchülerInnen aus ganz Europa haben diese Wette aus der Überzeugung durchgeführt, dass noch nicht mal die Erfüllung der Kyoto-Ziele, nämlich eine Reduzierung von 8% CO2 in Europa, unser Klima retten würde. Dies war keine jugendliche Spinnerei. Die WissenschaftlerInnen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) haben schon lange vorrausgesagt, dass eine Reduzierung von 60-80% nötig wäre um das Schlimmste zu verhindern. In dem Vergleich ist 8% in der EU ein Witz und sogar die 28% Einsparungen die Luxemburg dazu beitragen wollte, aber wahrscheinlich nicht erreichen wird.

Fazit wäre also, dass das Klima verloren hat, die Politik kriegt es nicht hin und wie es scheint die SchülerInnen auch nicht….

Der Schein kann aber teilweise trügen: Die europäische Wette wurde von den
SchülerInnen gewonnen und auch in Luxemburg hat die Privatschule Fieldgen
das gesetzte Ziel erreicht. Zusammen haben so alle WetteschülerInnen in ganz Europa ihren Teil dazu beigetragen. Während einem Jahr haben sich in 8 Schulen Luxemburgs SchülerInnen für unser Klima eingesetzt und ein bisher selten dagewesenes Engagement gezeigt. Sie haben gezeigt, dass Jugendliche bei weitem nicht nur an ihr Handy denken sondern sich auch für eine nachhaltige Zukunft engagieren können und wollen. Das Resultat zeigt aber auch, dass es nicht einfach ist, verkrustete Strukturen und die mangelnde „Tradition“ von aktivem Handeln in den Schulen es den SchülerInnen schwer macht.

Ein Beispiel: Das Wettteam aus dem Lycée Robert Schuman engagiert sich monatelang um Mülltrennung einzuführen: die einfache, billige und nur von ihnen ausgehende Initiative; gute Kartonkisten für den Papiermüll zu sammeln; scheiterte an Sicherheitsbestimmungen wegen Feuergefahr. Was bleibt ist die teuere Variante, nämlich der Kauf von Mülleimern aus Blech – die können die SchülerInnen jedoch nicht finanzieren. Also muss die Direktorin, welche das Wettteam glücklicherweise positiv unterstützte, Mülleimer beim Bautenministerium anfragen. Wegen solch unflexiblen Prozeduren stehen die Wertstoffeimer erst im Schuljahr nach der Wette zur Verfügung. Das Resultat ist, dass das Wettteam während der Wette in diesem Bereich keine Einsparungen erzielen konnte und deswegen grösstenteils demotiviert ist. Frau Grein, Erzieherin im Lycée Robert Schuman zieht unter anderem deswegen wohl eine treffende Schlussfolgerung: „Vor der Wette hätte ich nicht gedacht, dass es so schwer für SchülerInnen sei, etwas zu verändern.“

Laut Elisabeth, einer Wettschülerin aus dem Fieldgen ist ein anderer wichtiger Einflussfaktor die Unterstützung der LehrerInnen: „Im Fieldgen haben die LehrerInnen uns sehr unterstützt und motiviert. Ich fürchte, dass dies nicht so stark in den anderen Schulen der Fall war und dies die Wette teilweise gebremst hat.“

Desweiteren bestehen in den Schulen wesentliche technische Mängel auf
welche SchülerInnen keinen Einfluss nehmen können. Es darf nicht sein, dass
z.B. im Athnée sehr viel Hitze durch schlechte undichte Fenster verloren
geht, welche sogar für Regenwasser durchlässig sind!

Die Zahlen (2001 im Vergleich zu 2000):

Lycée

Strom

Heizenergie

CO2-Emissionen

Athénée

+0,2%

-19,6%

-2%

Arts et Métiers

-4,6%

-7,2%

-5%

Robert Schuman

-1,4%

-2,9%

-2%

Michel Lucius

+0,2%

-0,5%

0%

Fieldgen

+0,5%

-23,4%*

-8%

Total

-1,1%

-12,4

-3%

*unter anderem dadurch zu erklären, dass 2001 im Fieldgen Samstags keine Schule mehr war

Was geschieht jetzt?

Da wir die Wette verloren haben, müssen wir – wie versprochen – dem Premierminister Juncker und Staatssekretär Berger einen Tauch- und Survival-Kit überreichen. So wären Sie für die Klimakatastrophen gewappnet… Da wir die Hoffnung aber immer noch nicht aufgegeben haben, werden wir der Regierung aber auch einen Massnahmekatalog überreichen und Druck machen, viele der Massnahmen umzusetzen. Dieses Abschlussevent wird im Oktober 2002 in einer an der Wette beteiligten Schule stattfinden.

Fazit für das nationale Wettteam und LIFE – die ecoCreActive Plattform ist:

Wir haben viele wertvolle Erfahrungen gemacht und gesehen, dass wir etwas bewegen können, auch wenn es nur kleine Schritte sind. Wir werden der Regierung eine Reihe von sinnvollen Maßnahmen nennen, welche wir nicht selbst beeinflussen können und Druck machen, damit die Politik sich stärker für den Klimaschutz einsetzen wird. Desweiteren werden wir weiterhin ähnliche Aktionen in Schulen durchführen. LIFE wird mit einem Solarmobil, einem mit einer Solaranlage ausgestattetem Anhänger, eine Schultour für Nachhaltigkeit, „Scooltour“ genannt, durch die Schulen machen und so weiter SchülerInnen sensibilisieren und zum Mitmachen motivieren: No Action, No Future!

Wenn du wissen willst wie du CO2 sparen kannst, weiterhin Aktionen in deiner Schule machen kannst, was während der Wette genau gelaufen ist, was jetzt mit der Scooltour genau läuft….usw. dann schau auf www.wett.infoladen.lu rein!

Du kannst uns aber auch auf anderem Weg kontaktieren:

LIFE, 53, Ellergronn, L-3811 Schifflingen, Tel: 26532895, Fax: 26532896, e-mail: life@infoladen.lu

Spenden zur Finanzierung unserer Aktionen und Kampagnen sind sehr willkommen und notwendig. Überweisungen bitte auf das Konto der „LIFE asbl.“ CCPL 195148-81.

Filed under: PapierQueesch,Queesch Nr. 1 — Queesch - 1:17 pm

Trenner

Globalisierung und Regionalisierung der Weltwirtschaft

Aufstieg, Charakter und Probleme der aktuellen Wirtschaftsordnung

1 Einleitung

Im folgenden soll ein oft strapaziertes Thema erneut aufgerollt werden, um Begriffsschutt abzutragen und Realitäten jenseits des Feuilleton-Niveaus aufzuzeigen. Ich habe versucht möglichst wenig „theoriegeleitet“ vorzugehen, obschon ich natürlich auch meine Theorien habe, siehe dazu etwa Chomsky 2001.

Dies ist nur der erste Teil, der Begriffe, Ursachen und Akteure der Globalisierung behandelt. Der vollständige Artikel, der dazu noch Formen von Globalisierung und Regionalisierungen sowie deren Auswirkungen und Verknüfpungen behandelt, findet sich auf www.infoladen.lu ,oder wahrscheinlich auch in der nächsten Queesch .

2 Globalisierung

Definitionen und Dimensionen von Globalisierung und Neoliberalismus

Der Begriff Neoliberalismus wird oft in einem Atemzug mit dem der Globalisierung genannt. Tatsache ist, daß beide Phänomene in der Realität oft Hand in Hand gehen, manchmal sogar verwechselt werden. Deshalb soll an dieser Stelle erst mal Begriffsklärung erfolgen :

Der Neoliberalismus – oder „Neoklassik“ – bezeichnet eine wirtschaftspolitische Doktrin. Nach ihr ist Aufgabe des Staates , einen Ordnungsrahmen herzustellen in dem sich die nunmehr harmonisierenden freien Kräfte des Marktes dann ungehindert von staatlichen oder sonstigen Hindernissen entfalten können. Damit unterscheidet sich der Neoliberalismus deutlich vom klassischen Laissez-faire-Liberalismus, wie auch von keynesianistischen Theorien. Gegen Ende des 20ten Jahrhunderts hatte sich der Neoliberalismus , nicht zuletzt vor allem im Zuge des als Globalisierung bezeichneten Phänomens, als vorherrschendes Paradigma der Wirtschaftspolitik fast weltweit etabliert.

Unübersichtlicher wird es bei ebendiesem Begriff der Globalisierung, welcher nicht einheitlich definiert wird und oft mißverständlich benutzt. Der Begriff ist erst seit Anfang der 90er Jahre verbreitet, bezeichnet aber üblicherweise eine Entwicklung deren Anfang je nach Autor zwischen dem 15ten Jahrhundert und den 90ern zu suchen ist. Je nachdem, auf was er sich bezieht und wer ihn verwendet, sind so sehr verschiedene Sachen gemeint. Im Kern jedoch bedeutet Globalisierung zuerst mal:

die rapide Vermehrung und Verdichtung grenzüberschreitender gesellschaftlicher Interaktionen, die in räumlicher und zeitlicher Hinsicht die nationalen Gesellschaften immer stärker miteinander verkoppeln(Nohlen 2001, S.181).

Darüber hinaus aber streiten sich Wissenschaftler, Politiker und Journalisten hingegen u.a. über die Frage, ob Globalisierung eine strukturelle, qualitative Veränderung sei, oder nur eine quantitative Intensivierung bereits existierender Prozesse. Daran anschließen tut sich der Streit, ob Globalisierung ein unaufhaltsamer und notwendiger tatsächlicher Prozeß ist, eine historische Epoche die wir gewissermaßen passiv erleiden und höchstens ein wenig „gestalten“ können, oder ob es vielmehr eine Bezeichnung für eine zielgerichtete Wirtschaftsstrategie konkreter Akteure ist. Hier ist auch eine dritte strittige Frage zu finden, nämlich die normative1 Dimension: für die neoliberale Wirtschaftstheorie ist die aktuelle Form der kapitalistischen Globalisierung die einzig „gute Ordnung“2, bei Gegnern ebendieses neoliberalen Kapitalismus impliziert der Begriff fast a priori eine negative. Einige Autoren bringen auch noch die Dimensionen Moderne, zweite Moderne und Postmoderne mit ein.

An dieser Stelle können natürlich keine eindeutigen Antworten geben, umsomehr bezweifelt werden kann ob in diesem Streit überhaupt die passenden Fragen gestellt werden.

Der Begriffsklarheit zuliebe will ich versuchen aber zu differenzieren zwischen:

  1. Der Globalisierung als objektivem Entwicklungsprozeß in den räumlichen und zeitlichen Beziehungen, wie sie oben definiert wurden.

  2. Dem, was der Soziologe Ulrich Beck „Globalismus“ nennt, also eine paradigmatisch und normativ aufgeladene Konzeption von kapitalistischer Globalisierung, mit weltweitem Neoliberalismus als wirtschaftspolitischem Zukunftsrezept. Der Globalismus ist das heute vorherrschende Paradigma der wirtschaftlichen Globalisierung.

Ursachen der Globalisierung

Es sollen an dieser Stelle drei Elemente der jüngsten Geschiche vorgestellt werden, die meiner Ansicht nach mitverantwortlich dafür sind, daß Globalisierung-überhaupt und in ihrer heutigen Form im speziellen-möglich wurde, und auch drei Ebenen dieser Entwicklung deutlich machen. Dies sind (1) die technischen Revolutionen (materielle Basis), (2) der nachfordistische Strukturwandel (wirtschaftliche Organisation), und (3) der Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung (ideologische, geopolitische und klassenkämpferische Impulse).

(1) Die umwälzenden Innovationen der letzten 30 Jahre in Mikrotechnologie, EDV und Kommunikation haben als erstes die materielle Basis geschaffen, auf der eine Globalisierung im heutigen Ausmaß überhaupt möglich wurde. Internet, Computer, Satelliten usw. haben die Raumbeziehungen revolutioniert, und eine virtuelle Nähe erschaffen, welche, zusammen mit sinkenden Transportkosten, insbesondere die klassische räumliche Nähe an Bedeutung hat verlieren lassen. Es gibt jedoch keine Beweise um zu schließen, diese technologische Innovation hätten per se zwangsläufig zur Globalisierung geführt.

(2) Bis in die 70er Jahre war das vorherrschende wirtschaftliche Organisationsmodell der sogenannte „Fordismus“ , der durch hohe Spezialisierung, Massenfabrikation, Fliessbandarbeit, „stabile“ Löhne und hierarchische Betriebsstruktur gekennzeichnet war. Im Laufe der 70er und 80er jedoch vollzog sich eine Wende hin zu postfordistischen, oftmals neoliberalen Organisationsstrukturen. Flexibilität, Wettbewerb Wandel und Deregulierung sind die euphemistischen Schlagwörter, mit denen diese Neuorganisation der Produktion zumeist charakterisiert wird. Auf die genauen Ausprägungen dieser Umstrukturierung gehe ich in später näher ein. An dieser Stelle interessiert mehr, inwiefern diese Umwälzungen konkret mit der Globalisierung zusammenhängen :die keynesianistische Interventionspolitik nämlich, bis in die 70er in vielen Ländern zumindestens implizit Bestandteil der Wirtschaftspolitik, erfordert einen souveränen Nationalstaat, der Kontrolle über die die makroökonomische Instrumente wie zB. die Geldmenge hat. Nachdem diese Form der Wirtschaftspolitik nun aber aufgegeben wurde, entfiel so auch in diesem Bereich das Erfordernis eines klar abgegrenzten Nationalstaates, stattdessen gab es eine neoliberale Orientierung hin zu „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ , internationaler Liberalisierung der Märkte, Freiheit der Konzerne und neuer globaler Arbeitsteilung. So wurde die Bahn frei für die Globalisierung.

Ich habe diesen Paradigmenwechsel unter dem Gesichtspunkt „Ursachen“ der Globalisierung beschrieben. Allerdings ist die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung hier nicht eindeutig. Es wäre theoretisch ebenso korrekt, eine Perspektive zu benutzen die nicht nachfordistischen Strukturwandel als Urheber der Globalisierung ausmacht, sondern umgedreht diesen Wandel eben durch zunehmende Internationale Arbeitsteilung und Konkurrenz erklärt.

(3) Diese Faktoren aber erklären noch nicht die Entstehung und ausufernde Verbreitung – und auch nicht die globalistische Verklärung und Instrumentalisierung – von Globalisierung als Begriff, These und Konzept. Für diese eher politische und theoretische Dimension war die zunehmende Verbreitung kapitalistischer Systeme wesentlich, insbesondere durch die Zuspitzung, die sich im Zusammenbruch des staatssozialistischen Raumes manifestierte. Das Ende der dichotomen Weltordnung hat gewisserweise den politischen Startschuß geliefert für die Beschäftigung mit Globalisierung. Hatte mensch sich vorher insbesondere mit den jeweiligen „Blöcken“ und der Auseinandersetzung zwischen ihnen beschäftigt, die sowohl ideologisch wie räumlich leicht abgrenzbar waren, rückte nun die Welt als ganzes jenseits des angeblich überkommenen rechts-links Schemas erneut ins Zentrum politischen und wirtschaftlichen Interesses. Zum einen wurde so durch den Wegfall des „eisernen Vorhanges“ eine wesentlich Schranke beseitigt, die bis dato schon rein geographisch eine Globalisierung behindert hatte. Zum andern vollzog sich dann nach dem vermeintlichen weltweiten Sieg des Kapitalismus mit den Aufkommen des ideologisch aufgeladenen Globalismus das was Bourdieu eine „konservative Revolution“ nennt (Bourdieu 1997, S.15). Dieser zunehmende Glauben daß globaler Kapitalismus nach Ende der Blockauseinandersetzung unser aller unumgängliches Heilsschicksal sei, zeugt Bourdieu zufolge davon, dass in den Kräfteverhältnissen zwischen den Klassen eine Verschiebung zugunsten der Herrschenden stattgefunden hat. (Bourdieu 2000) Bei dieser Verschiebung spielte der Zusammenbruch der „sozialistischen“ Länder und der Linken eine wesentliche Rolle. Dies ungeachtet davon wie mensch die Realität im Ostblock bewertet.

Die hier aufgeführten drei Ursachen sind alle eher struktureller Natur. Eine ganz konkrete hier nicht aufgeführte Ursache für Globalisierung war auch die zunehmende Grösse der multinationalen Unternehmen – im Laufe des durchaus normalen kapitalistischen Akkumulationsprozesses3 – , die , um die Funktionsfähigkeit zu erhalten immer mehr Grenzen überwinden mussten. Diesen Punkt, der auch gerechtfertigterweise unter Ursachen hätte aufgelistet werden, habe ich aber der Klarheit halber in den folgenden Abschnitt „Akteure“ eingeordnet.

Akteure der Globalisierung

Diese Akteure sind zum einen auf der Mikroebene eben die genannte Multinationalen Unternehmen, die grenzübergreifend eine möglichst gewinnbringende Allokation und Distribution ihrer Aktivitäten suchen. Zum andern auf der Meso- und Makroebene die Nationalstaaten und die von ihnen erschaffenen internationalen Organisationen, welche die institutionellen Bedingungen dafür zu schaffen such(t)en.

Unter multinationalen Unternehmen werden solche Firmen verstanden, die die Produktion und Distribution international/global organisieren, deren oberste Koordination und Kompetenzebene aber meist noch in einem einzelnen oder einigen wenigen Staaten zu finden ist. In der Realität sind dies fast ausschließlich USA, EU-Länder und Japan. Multinationale Firmen gibt es nicht erst seit gestern. Ihre Zahl ist jedoch von 7000 im Jahre 1970 auf etwa 60000 im Jahr 1998 angestiegen. der Von diesen Zehntausenden machten die Aktivitäten der 200 größten 1997 mehr als ein Viertel der globalen Wirtschaftsaktivitäten aus. Z.B. die Firma Nestlé, nur Rang 36 innerhalb der Multis, machte 1998 einen Umsatz der ungefähr dem BIP des Nationalstaates Ungarn entspricht. Von den 100 größten Ökonomien sind so nur noch knapp die Hälfte Staaten, die übrigen sind solche von fast allen Grenzen gelöste Unternehmen.

Aber auch die Nationalstaaten sind keineswegs nur die passiven „Opfer“ der Globalisierung, als die sich manche gerne präsentieren. Vielmehr könnte mensch davon sprechen, daß die meisten Staaten sich „freiwillig“ dem Weltmarkt unterworfen haben.

Als Beispiele seien hier neben der bereits erwähnten postfordistischen Umstrukturierung etwa die Umwandlung des fast 50-Jahre alten GATT (allgemeines Zoll und Handelsabkommen) in die WTO (Welthandelsorganisation) genannt, wie auch die Verhandlungen über das MAI (Multilaterales Abkommen über Investitionen). Auch die regionale Integration, auf die ich später noch näher eingehe, ordnet sich ein in eine Politik der aktiven wirtschaftlichen Internationalisierung durch die Nationalstaaten. Die Entstehung von Freihandelszonen wie zB. NAFTA (Nordamerika) , APEC (alle Pazifischen Küstenstaaten) und MERCOSUR (gemeinsamer Markt Südamerikas) zeugt davon, genau wie die neue Qualität der europäischen Integration mit Wirtschafts und Währungsunion und offenen inneren Grenzen.

Einschränkend sei aber bereits hier gesagt, daß die meisten Nationalstaaten -die Multis sowieso- Globalisierung und Neoliberalismus nur dort selbst vorantreiben wo sie sich selbst Vorteile erhoffen, was eine starke Einseitigkeit zur Folge hat. Denn einige wirtschaftliche Problemsektoren wie zB. die Landwirtschaft werden in vielen Staaten und Regionen noch eifersüchtig geschützt und subventioniert, insofern diese Staaten es sich aufgrund ihrer hegemonialen Stellung leisten können. ZB. das produktivistische Landwirtschaftsystem der EU kann noch immer nur dank enormer Subventionierung4 konkurrenzfähig exportieren und überhaupt überleben. Diese Subventionen stammen nun aber von denselben Staaten, die 1994 im Marrakesch-Abkommen einen drastischen Abbau von ebensolchen Subventionen gefordert haben

Wie dies politisch zu bewerten ist, sei mal dahingestellt. Es geht hier nur darum, zu zeigen daß aktuelle Form der Globalisierung keine gesetzmäßige, allgemeingültige und gleichmäßige Entwicklung darstellt, die von ihren Akteuren zu trennen wäre. Wie Noam Chomsky in seiner Kritik des Neoliberalismus richtig feststellt, haben wir es nicht mit irgendwelchen dunklen sozialen Gesetzen zu tun, sondern mit Entscheidungen und Institutionen von Menschenhand. Und dazu trotz Globalitätsanspruch nur von einem relativ kleinen Teil der Menschheit. Mit allen Uneinheitlichkeiten, Einseitigkeiten und Widersprüchen die menschliches und insbesondere kapitalistisches Handeln in sich birgt.

Fortsetzung folgt…. ,

El Fisch

http://kisss.to/anarchy

1 Am „soll“ Zustand orientiert

2 Wer einen Einblick in den wirren religiösen Glauben an globalen Neoliberalismus gewinnen will, der/die lese -schon rein zur Belustigung – Weizäcker 1999

3 So schrieb schon 1849 schrieb Marx in „Lohnarbeit und Kapital“ :

Welche gewaltigen Produktionsmittel ein Kapitalist auch ins Feld führe, die Konkurrenz wird diese Produktionsmittel verallgemeinern, und von dem Augenblick an …. beginnt der alte Kampf um so heftiger, je fruchtbarer die schon erfundenen Produktionsmittel sind. Die Teilung der Arbeit … wird also in ungleich größerem Maßstabe von neuem vor sich gehen“ (Quelle : http://members.aol.com/Klassiker2/me06_397.htm)

Es ist klar, dass bei diesen stetig wachsenden Maßstäben der Nationalstaat als Rahmen schnell nicht mehr funktional ist. Während Marx unter „Teilung der Arbeit“ noch den klassischen Taylorismus nach Innen meinte, ist die Realität längst einen Schritt weiter, indem sie die Arbeitsteilung global einführte.

4 2002 macht der Agrarpolitische Etat nach EU-Angaben genau 46.5% des gesamten europäischen Budgets aus

Filed under: PapierQueesch,Queesch Nr. 1 — fisch - 1:14 pm

Trenner
« Newer Posts